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Subject: Detailed report about Shredder 5.32 - Fritz 7 (LONG German post)

Author: Harald Faber

Date: 22:21:13 11/05/01


In der ersten Partie liess Maastricht grüssen: Trotz zeitweiliger
+3.04-Bewertung (Shredder) kann Fritz nicht gewinnen. Ob die +3.04 angebracht
waren trotz nur eines Mehrbauern, darüber kann man sicher streiten. Fritz sah
die Stellung bei weitem nicht so klar gewonnen. Man kann nun wieder die allseits
verbreitete Meinung anführen, dass Shredder nun mal der Endspiel-"Whodini" sei
und einmal mehr das Endspiel mit Glück remis halten konnte. Ich sehe aber eher
"Turmendspiele sind remis". Hier die Stellung, die Shredder für Weiss mit +3.04
bewertete:
8/3r1k1p/7p/1p1p1P2/3R1KPP/1P6/P4R2/4r3 w - - 0 40

Partie numero 2 brachte mich erneut zum Schmunzeln, als in dieser Stellung
3rqr1k/1b2bpp1/pp2pn1p/2n5/P1BNP3/1PN2P2/4QBPP/2RR2K1 w - - 0 23
Weiss=Shredder Ta1 zog mit einer Bewertung von +0.83. Weiss steht optisch sicher
ganz gut mit dem Bauernzentrum e4-f3, dem Läufer auf c4 und den Springern auf
c3/d4. Schwarz hat dennoch eine feste Stellung und für Weiss fast +1 anzuzeigen,
scheint mir doch etwas übertrieben, vor allem mit 23.Ta1?! Auch wenn der Plan
ist, den a-Bauern zu decken um b3-b4 zu spielen, den schwarzen Sc5 zu vertreiben
und damit Bauer a6 zu gewinnen. Das scheitert jedoch an der Schwäche des Bb4,
womit der Plan als verfehlt bezeichnet werden kann. Im weiteren Verlauf wirken
sich die inzwischen deplazierten weissen Figuren nachteilig aus, so dass bereits
im 36. Zug Schwarz die bessere Stellung hat. Spätestens hier
1r3r1k/1P4p1/7p/2b1p3/2q1pn2/nRN3B1/1Q2N1PP/3R3K w - - 0 42
wo Weiss vermutlich zu Lxf4 gezwungen ist, ist die Partie nach 42...exf4
entschieden. Shredder schafft es zwar noch, sich in ein Endspiel mit Dame plus
Springer gegen Läufer plus 2 Türme zu retten, doch bei der Figuren- und
Königsstellung ist das hoffnungslos. Ein nettes Beispiel an Pragmatismus durch
Tablebases sieht man hier
5r1k/6p1/7p/8/8/6K1/8/8 b - - 0 66
denn Fritz spielt trocken 66...Tf3+ und opfert seinen Turm, um mit König plus 2
Bauern gegen König direkt aus den TBs heraus matt zu setzen, anstatt selbiges
schneller mit zusätzlichem Turm zu erledigen.

Die dritte Partie gibt Fritz 7 nach der Eröffnung eigentlich eine viel
versprechende Angriffsposition aus einem Sizilianer. Er versäumt jedoch, einen
planmässigen Angriff am Königsflügel vorzutragen (z.B. mit f4-f5 oder später
vielleicht Tf1-f3-h3), lässt sich das Zentrum abriegeln und verliert die Partie
am Damenflügel, ohne selbst Fortschritte am Königsflügel oder im Zentrum zu
machen. Bereits der erste errechete Zug gefällt mir nicht:
1rb1rbk1/2qn1p1p/ppnpp1p1/6P1/P2NPP2/2N1BQ2/1PP3BP/R4R1K w - - 0 17
17.Sxc6?! Weiss sollte entweder sofort f4-f5 spielen oder im Falle eines
schwarzen e6-e5 die Möglichkeit zu f4-f5 haben. Beides ist nach 17...Dxc6 18.Ld4
Lb7 19.Dh3 Tad8 20.Tad1 e5! nicht mehr möglich.
Schwarz kann im Anschluss gemächlich am Damenflügel massieren und einen Tausch
Läufer gegen 3 Bauern erlauben. Denn 2 der 3 Bauern sind eine Macht und
spielentscheidend, Sieg für Shredder.

In der 4. Partie erreicht Shredder eine Stellung, die sich jeder Schachspieler
erträumt. Zum Preis von zunächst 2 Bauern hat Weiss das Läuferpaar,
Entwicklungsvorsprung, offene Linien (gegen den schwarzen König), eingeengte
schwarze Figuren und Schwarz kann auch nicht mehr rochieren. Fritz lehnt
korrekterweise den zweiten Bauern ab und kann sich tatsächlich aus dieser
Umklammerung befreien.
r2k1b1r/pp2p1pp/4Bp2/8/n7/2P5/P4PPP/R1B1K2R b KQ - 0 18
18...Sc5! 19.Lg4 h5 20.Lf3 Kc7 21.Le3 e5 und Schwarz ist erst mal seine Sorgen
los. Sobald der Lf8 im Spiel ist, kann sich Schwarz an die Verwertung des
Materialvorteils begeben. Allerdings streben beide Seiten ein Endspiel mit
ungleichfarbigen Läufern an, was "normalerweise" remis sein sollte. Doch diesmal
kann sich Shredder nicht retten und vergeigt das Endspiel. Es ist sicher
schwierig zu spielen, doch das Läufermanöver gefällt mir nicht (Le2-h5-g6-e8).
Stattdessen wäre vermutlich eine Festigung der weissen Bauern auf weissen
Feldern angeraten. Das macht sich Fritz zu nutze, er spielt hier
4B3/p5p1/5k2/2p1bp2/2P1p2p/8/P4PPP/6K1 b - - 0 34
sehr stark 34...h4-h3! Das hätte zwar auch noch nicht zum Sieg gereicht, doch
Shredder schoss einen Bock nach dem anderen:
8/p7/B7/b1p3p1/P1Pk1p2/4pP1P/4K2P/8 w - - 0 50
Hier braucht Weiss nur mit La6-b5-a6 zu pendeln oder, wenn sich der schwarze
König an Ba4 annähert, Ke2-d3(d1)-e2 zu ziehen. Dann muss Schwarz schon zeigen,
ob er den Gewinnweg findet mit Kd4-c3-b4, La5-c7, Kb4-a5, a7-a6 (Vertreibung des
Lb5), Kb4 und nach Ke2-d3 mit e3-e2 den e-Bauern zu geben, um den c-Bauern zu
gewinnen und mit dem eigenen c-Bauern Dampf zu machen. Die letzten 3-4 schwarzen
Züge lassen das nicht gerade vermuten. Weiss=Shredder forciert jedoch den
Untergang: 50.h3-h4?? g5-g4!-+ 51.Lb7 gxf3+ 52.Lxf3 Kxc4 und 0-1/61

Die 5. Partie spielt Fritz 7 souverän nach einer doch zweifelhaften Eröffnung
von Shredder (Schwarz). r3kb1r/1bqn1p1p/p2pp1p1/2n3P1/1p1NPP2/3BBQN1/PPP4P/R4RK1
w kq - 0 15
Shredder bleibt mit dem König in der Mitte stecken und muss später eine Figur
gegen 2 Bauern geben, um die Stellung noch halbwegs halten zu können. Es nutzt
jedoch nichts, ab dem 43. Zug ist ein Endspiel mit Turm plus Läufer plus 2
Bauern gegen Turm plus 4 Bauern auf dem Brett, das sich noch bis zum 111. Zug
hinzieht, bis Fritz den vollen Punkt für sich verbuchen kann.

Den letzten Shredder-Sieg brachte die 6. Partie. Dort liess sich Fritz zu einem
doch zweifelhaften Bauernopfer ohne Kompensation hinreissen. Nach weiterem
Figurentausch und einem Endspiel Turm plus Läufer plus Springer konnte sich
Shredder aufgrund der schwarzen Bauernschwächen schnell einen weiteren Bauern
einverleiben und den verdienten Sieg einfahren.

Ich bin zwar kein Sizilianisch-Experte, doch der erneute einfache Weiss-Sieg in
der 7. Runde zeigt schon, dass in gewissen Abspielen Schwarz gewisse
positionelle Erfordernisse der Stellung kennen muss. Das scheint über den
Rechenhorizont mancher Programme hinaus zu gehen.
r3kb1r/2qb1pp1/p1nppn1p/1p6/3NP1P1/2N1BP2/PPPQ3P/2KR1BR1 b kq - 0 12
12...Le7 13.Sxc6 Lxc6 14.h4 Da möchte man als Mensch schon kaum noch kurz
rochieren 14...Sd7 15.Dd4 Tc8 16.g5 hxg5 17.hxg5 0-0 18.Th1! Und der Rest spielt
sich von alleine. (1-0/36)

In der 8. Runde liess sich Shredder=Weiss überspielen. Es gab auch wieder einen
komischen Zug:
r3k2r/2q1bppp/pp1pp3/2n5/2PN4/1PNQ2P1/P3PPKP/3R1R2 w kq - 0 16
16.De3? Was macht die Tante da? Sie steht nur dem eigenen e-Bauern im Weg und
wird noch einen weiteren Zug benötigen, um diesen Fehlgriff wieder gut zu
machen. 16.Dd2 war sicher angebrachter. Die weisse Idee ist doch e2-e4, f2-f4
und anschliessend mit e4-e5 oder f4-f5 die schwarze Stellung zu knacken. Dennoch
gelingt es Shredder, sich etwas zu befreien und die Stellung zu komplizieren.
2r1r1k1/2q2ppp/pp1ppb2/2n5/2PN4/1PN1Q1P1/P3PP1P/2RR2K1 w - - 0 20
20.Sdb5!? leitet einen Abtausch ein, der Weiss mit Turm plus 2 Bauern gegen
Springer plus Läufer spielen lässt. Als dann noch der Springer auf a4 ins
Abseits gerät, steigen die weissen Chancen. Fritz opfert clever einen weiteren
Bauern, um den Springer auf d3 einzugraben. Dennoch sollte Shredder mit nun 3
verbundenen Freibauern gewinnen können. Doch mitnichten, ein Bauer geht
verloren, die anderen beiden blockiert, auf geht's zum König. Nach und nach
wendet sich das Blatt, der Angriff auf den König trägt irgendwann Früchte.
(0-1/79)

Runde 9 brachte die zweite Kurzpartie zu Gunsten von Fritz. Auch im Spanier bin
ich nicht sonderlich bewandert, doch in dieser Stellung
r2qrbk1/1b1n1pp1/p2p3p/1ppP4/Pn2P3/R4N1P/1P1N1PP1/1BBQR1K1 b - - 0 17
scheint mir Shredders Buchzug 17...f7-f5?! nur eine unnötige Schwächung des
Königs zu sein. Buchende ist dann nach 18.exf5 Sf6 19.Se4. Shredder rechnet nun
knapp 10 Minuten, um 19...Sf6xd5 zu spielen. Angesichts der langen Diagonale
a2-g8 und möglicher Fesselungsmotive scheint mir Lxd5 besser zu sein. Die
nächsten 2 Züge sind noch nicht entscheidend: 20.Sh2! Ein sehr starker Zug, der
den Springer nach g4 überführt und damit sowohl dem Bauernvorstoss f5-f6 als
auch einem möglichen Einschlag auf h6 die Grundlage schafft. 20...Kh8 21.axb5
axb5 22.Sg4 und jetzt ist guter Rat schon teuer. f5-f6 kann nicht mehr
verhindert werden, doch dann bricht die schwarze Königsstellung zusammen.
22...Sb6 f6! +/- (1-0/34)

Am Ende des Eröffnungsbuches stand Shredder in der 10. Partie recht gut und
hatte eine viel versprechende Angriffsposition. Nach zu forschem Vorgehen
stockte jedoch der weisse Angriff, und die Bauernschwäche auf e4 entpuppte sich
als leichte Beute für Schwarz=Fritz.
2r2r1k/1b2b1pp/ppq1p3/4p3/1PP1n3/P1N1QB2/2N3PP/2R2RK1 b - - 0 28
28...Txf3! ist ein optisch schöner Zug, der zum einen zwar die Qualität opfert,
zum anderen jedoch a) die  Figur rettet, b) den wichtigen weissfeldrigen Läufer
beseitigt, der die weisse Königsstellung noch zusammenhalten könnte und c) noch
einen weiteren Bauern gewinnt. Weiss geht in der Folge ein am Druck gegen den
Bauern f3 und durch den Springer c4. Bereits 11 Züge nach der letzten
Diagrammstellung sieht es so aus:
4q2k/6p1/pb2p2p/1p1bp3/1Pn1Nr2/P2R1P2/2N3QP/4R2K b - - 0 39
Und Weiss steht mit dem Rücken zur Wand, von Gegenspiel keine Spur. Einen netten
Hebel hat Schwarz 3 Züge später:
4qr1k/1b6/pb2p2p/1p2p1p1/1Pn5/P1NR1P2/2N3QP/4R2K b - - 0 42
42...g5-g4! Nach 43.Dxg4 Tg8 sah sich Weiss bereits gezwungen, die Dame für den
Turm zu geben.
Dass Fritz in dieser Partie fast mit Plan gespielt hat, sieht man daran, dass
hier
4qr1k/1b2b1pp/p3p3/1p2p3/1Pn1N3/P4P2/2N3QP/3R1RK1 b - - 0 34
34...Ld8! der Läufer auf eine sehr entscheidende Diagonale (a7-g1) überführt
wird. Dadurch wird der weisse König noch weiter in seinen Käfig gedrängt.
Zusammen mit dem Läufer b7 sieht sich Weiss schon einer unangenehmen
Läuferbatterie gegenüber. Ich würde eine solche Stelung mit Weiss nicht spielen
wollen, geschweige denn müssen.


Resümmierend lassen sich in diesem Match nicht ganz so viele positionelle Patzer
bei Shredder feststellen wie vorher. Doch überzeugen konnte lediglich Fritz. Ob
der Weltmeister Shredder mit einem eigenen, angepassten Buch an Fritz, Tiger und
Junior heranreichen kann, wäre einen weiteren Test wert. Dazu bedarf es jedoch
eines geeigneten Eröffnungsbuches. Dies müsste Stefan Meyer-Kahlen zur Verfügung
stellen (Er wird einen Teufel tun und seinen einzigen Vorteil aus der Hand geben
und es verteilen), es wird ein "besseres" Buch eines anderen Programms oder ein
selbst gestricktes Buch genommen. Diese haben natürlich immer den Nachteil, dass
sie nicht auf Shredder zugeschnitten sind und somit für den Fall eines
schlechten Abschneidens immer eine Ausrede parat liegt. Auf der anderen Seite
muss man anerkennen, dass in der SSDF der ChessTiger mit dem gleichen
Eröffnungsbuch wie Shredder wesentlich besser abschneidet und nur marginal
hinter den ersten beiden liegt. Ist ChessTiger daher wirklich besser, oder kommt
er nur mit dem Buch besser zurecht? Ich tendiere zu erstem.
Schauen wir aber mal, wie der gesamte Test endet. Inzwischen hege ich fast die
Befürchtung, dass Shredder keine 50% erspielen wird, denn es warten nur noch die
Tiger. Und die sind bekanntermassen bärenstark, GambitTiger 2 hat ausserdem noch
eine Rechnung offen mit Shredder von dem Einer-gegen-alle-Turnier, als Shredder
sensationell mit 7.5-2.5 gewann.


Partien, aktuelle Zwischenstände usw. gibt es wie immer auf www.harald-faber.de



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