Author: Harald Faber
Date: 22:21:13 11/05/01
In der ersten Partie liess Maastricht grüssen: Trotz zeitweiliger +3.04-Bewertung (Shredder) kann Fritz nicht gewinnen. Ob die +3.04 angebracht waren trotz nur eines Mehrbauern, darüber kann man sicher streiten. Fritz sah die Stellung bei weitem nicht so klar gewonnen. Man kann nun wieder die allseits verbreitete Meinung anführen, dass Shredder nun mal der Endspiel-"Whodini" sei und einmal mehr das Endspiel mit Glück remis halten konnte. Ich sehe aber eher "Turmendspiele sind remis". Hier die Stellung, die Shredder für Weiss mit +3.04 bewertete: 8/3r1k1p/7p/1p1p1P2/3R1KPP/1P6/P4R2/4r3 w - - 0 40 Partie numero 2 brachte mich erneut zum Schmunzeln, als in dieser Stellung 3rqr1k/1b2bpp1/pp2pn1p/2n5/P1BNP3/1PN2P2/4QBPP/2RR2K1 w - - 0 23 Weiss=Shredder Ta1 zog mit einer Bewertung von +0.83. Weiss steht optisch sicher ganz gut mit dem Bauernzentrum e4-f3, dem Läufer auf c4 und den Springern auf c3/d4. Schwarz hat dennoch eine feste Stellung und für Weiss fast +1 anzuzeigen, scheint mir doch etwas übertrieben, vor allem mit 23.Ta1?! Auch wenn der Plan ist, den a-Bauern zu decken um b3-b4 zu spielen, den schwarzen Sc5 zu vertreiben und damit Bauer a6 zu gewinnen. Das scheitert jedoch an der Schwäche des Bb4, womit der Plan als verfehlt bezeichnet werden kann. Im weiteren Verlauf wirken sich die inzwischen deplazierten weissen Figuren nachteilig aus, so dass bereits im 36. Zug Schwarz die bessere Stellung hat. Spätestens hier 1r3r1k/1P4p1/7p/2b1p3/2q1pn2/nRN3B1/1Q2N1PP/3R3K w - - 0 42 wo Weiss vermutlich zu Lxf4 gezwungen ist, ist die Partie nach 42...exf4 entschieden. Shredder schafft es zwar noch, sich in ein Endspiel mit Dame plus Springer gegen Läufer plus 2 Türme zu retten, doch bei der Figuren- und Königsstellung ist das hoffnungslos. Ein nettes Beispiel an Pragmatismus durch Tablebases sieht man hier 5r1k/6p1/7p/8/8/6K1/8/8 b - - 0 66 denn Fritz spielt trocken 66...Tf3+ und opfert seinen Turm, um mit König plus 2 Bauern gegen König direkt aus den TBs heraus matt zu setzen, anstatt selbiges schneller mit zusätzlichem Turm zu erledigen. Die dritte Partie gibt Fritz 7 nach der Eröffnung eigentlich eine viel versprechende Angriffsposition aus einem Sizilianer. Er versäumt jedoch, einen planmässigen Angriff am Königsflügel vorzutragen (z.B. mit f4-f5 oder später vielleicht Tf1-f3-h3), lässt sich das Zentrum abriegeln und verliert die Partie am Damenflügel, ohne selbst Fortschritte am Königsflügel oder im Zentrum zu machen. Bereits der erste errechete Zug gefällt mir nicht: 1rb1rbk1/2qn1p1p/ppnpp1p1/6P1/P2NPP2/2N1BQ2/1PP3BP/R4R1K w - - 0 17 17.Sxc6?! Weiss sollte entweder sofort f4-f5 spielen oder im Falle eines schwarzen e6-e5 die Möglichkeit zu f4-f5 haben. Beides ist nach 17...Dxc6 18.Ld4 Lb7 19.Dh3 Tad8 20.Tad1 e5! nicht mehr möglich. Schwarz kann im Anschluss gemächlich am Damenflügel massieren und einen Tausch Läufer gegen 3 Bauern erlauben. Denn 2 der 3 Bauern sind eine Macht und spielentscheidend, Sieg für Shredder. In der 4. Partie erreicht Shredder eine Stellung, die sich jeder Schachspieler erträumt. Zum Preis von zunächst 2 Bauern hat Weiss das Läuferpaar, Entwicklungsvorsprung, offene Linien (gegen den schwarzen König), eingeengte schwarze Figuren und Schwarz kann auch nicht mehr rochieren. Fritz lehnt korrekterweise den zweiten Bauern ab und kann sich tatsächlich aus dieser Umklammerung befreien. r2k1b1r/pp2p1pp/4Bp2/8/n7/2P5/P4PPP/R1B1K2R b KQ - 0 18 18...Sc5! 19.Lg4 h5 20.Lf3 Kc7 21.Le3 e5 und Schwarz ist erst mal seine Sorgen los. Sobald der Lf8 im Spiel ist, kann sich Schwarz an die Verwertung des Materialvorteils begeben. Allerdings streben beide Seiten ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern an, was "normalerweise" remis sein sollte. Doch diesmal kann sich Shredder nicht retten und vergeigt das Endspiel. Es ist sicher schwierig zu spielen, doch das Läufermanöver gefällt mir nicht (Le2-h5-g6-e8). Stattdessen wäre vermutlich eine Festigung der weissen Bauern auf weissen Feldern angeraten. Das macht sich Fritz zu nutze, er spielt hier 4B3/p5p1/5k2/2p1bp2/2P1p2p/8/P4PPP/6K1 b - - 0 34 sehr stark 34...h4-h3! Das hätte zwar auch noch nicht zum Sieg gereicht, doch Shredder schoss einen Bock nach dem anderen: 8/p7/B7/b1p3p1/P1Pk1p2/4pP1P/4K2P/8 w - - 0 50 Hier braucht Weiss nur mit La6-b5-a6 zu pendeln oder, wenn sich der schwarze König an Ba4 annähert, Ke2-d3(d1)-e2 zu ziehen. Dann muss Schwarz schon zeigen, ob er den Gewinnweg findet mit Kd4-c3-b4, La5-c7, Kb4-a5, a7-a6 (Vertreibung des Lb5), Kb4 und nach Ke2-d3 mit e3-e2 den e-Bauern zu geben, um den c-Bauern zu gewinnen und mit dem eigenen c-Bauern Dampf zu machen. Die letzten 3-4 schwarzen Züge lassen das nicht gerade vermuten. Weiss=Shredder forciert jedoch den Untergang: 50.h3-h4?? g5-g4!-+ 51.Lb7 gxf3+ 52.Lxf3 Kxc4 und 0-1/61 Die 5. Partie spielt Fritz 7 souverän nach einer doch zweifelhaften Eröffnung von Shredder (Schwarz). r3kb1r/1bqn1p1p/p2pp1p1/2n3P1/1p1NPP2/3BBQN1/PPP4P/R4RK1 w kq - 0 15 Shredder bleibt mit dem König in der Mitte stecken und muss später eine Figur gegen 2 Bauern geben, um die Stellung noch halbwegs halten zu können. Es nutzt jedoch nichts, ab dem 43. Zug ist ein Endspiel mit Turm plus Läufer plus 2 Bauern gegen Turm plus 4 Bauern auf dem Brett, das sich noch bis zum 111. Zug hinzieht, bis Fritz den vollen Punkt für sich verbuchen kann. Den letzten Shredder-Sieg brachte die 6. Partie. Dort liess sich Fritz zu einem doch zweifelhaften Bauernopfer ohne Kompensation hinreissen. Nach weiterem Figurentausch und einem Endspiel Turm plus Läufer plus Springer konnte sich Shredder aufgrund der schwarzen Bauernschwächen schnell einen weiteren Bauern einverleiben und den verdienten Sieg einfahren. Ich bin zwar kein Sizilianisch-Experte, doch der erneute einfache Weiss-Sieg in der 7. Runde zeigt schon, dass in gewissen Abspielen Schwarz gewisse positionelle Erfordernisse der Stellung kennen muss. Das scheint über den Rechenhorizont mancher Programme hinaus zu gehen. r3kb1r/2qb1pp1/p1nppn1p/1p6/3NP1P1/2N1BP2/PPPQ3P/2KR1BR1 b kq - 0 12 12...Le7 13.Sxc6 Lxc6 14.h4 Da möchte man als Mensch schon kaum noch kurz rochieren 14...Sd7 15.Dd4 Tc8 16.g5 hxg5 17.hxg5 0-0 18.Th1! Und der Rest spielt sich von alleine. (1-0/36) In der 8. Runde liess sich Shredder=Weiss überspielen. Es gab auch wieder einen komischen Zug: r3k2r/2q1bppp/pp1pp3/2n5/2PN4/1PNQ2P1/P3PPKP/3R1R2 w kq - 0 16 16.De3? Was macht die Tante da? Sie steht nur dem eigenen e-Bauern im Weg und wird noch einen weiteren Zug benötigen, um diesen Fehlgriff wieder gut zu machen. 16.Dd2 war sicher angebrachter. Die weisse Idee ist doch e2-e4, f2-f4 und anschliessend mit e4-e5 oder f4-f5 die schwarze Stellung zu knacken. Dennoch gelingt es Shredder, sich etwas zu befreien und die Stellung zu komplizieren. 2r1r1k1/2q2ppp/pp1ppb2/2n5/2PN4/1PN1Q1P1/P3PP1P/2RR2K1 w - - 0 20 20.Sdb5!? leitet einen Abtausch ein, der Weiss mit Turm plus 2 Bauern gegen Springer plus Läufer spielen lässt. Als dann noch der Springer auf a4 ins Abseits gerät, steigen die weissen Chancen. Fritz opfert clever einen weiteren Bauern, um den Springer auf d3 einzugraben. Dennoch sollte Shredder mit nun 3 verbundenen Freibauern gewinnen können. Doch mitnichten, ein Bauer geht verloren, die anderen beiden blockiert, auf geht's zum König. Nach und nach wendet sich das Blatt, der Angriff auf den König trägt irgendwann Früchte. (0-1/79) Runde 9 brachte die zweite Kurzpartie zu Gunsten von Fritz. Auch im Spanier bin ich nicht sonderlich bewandert, doch in dieser Stellung r2qrbk1/1b1n1pp1/p2p3p/1ppP4/Pn2P3/R4N1P/1P1N1PP1/1BBQR1K1 b - - 0 17 scheint mir Shredders Buchzug 17...f7-f5?! nur eine unnötige Schwächung des Königs zu sein. Buchende ist dann nach 18.exf5 Sf6 19.Se4. Shredder rechnet nun knapp 10 Minuten, um 19...Sf6xd5 zu spielen. Angesichts der langen Diagonale a2-g8 und möglicher Fesselungsmotive scheint mir Lxd5 besser zu sein. Die nächsten 2 Züge sind noch nicht entscheidend: 20.Sh2! Ein sehr starker Zug, der den Springer nach g4 überführt und damit sowohl dem Bauernvorstoss f5-f6 als auch einem möglichen Einschlag auf h6 die Grundlage schafft. 20...Kh8 21.axb5 axb5 22.Sg4 und jetzt ist guter Rat schon teuer. f5-f6 kann nicht mehr verhindert werden, doch dann bricht die schwarze Königsstellung zusammen. 22...Sb6 f6! +/- (1-0/34) Am Ende des Eröffnungsbuches stand Shredder in der 10. Partie recht gut und hatte eine viel versprechende Angriffsposition. Nach zu forschem Vorgehen stockte jedoch der weisse Angriff, und die Bauernschwäche auf e4 entpuppte sich als leichte Beute für Schwarz=Fritz. 2r2r1k/1b2b1pp/ppq1p3/4p3/1PP1n3/P1N1QB2/2N3PP/2R2RK1 b - - 0 28 28...Txf3! ist ein optisch schöner Zug, der zum einen zwar die Qualität opfert, zum anderen jedoch a) die Figur rettet, b) den wichtigen weissfeldrigen Läufer beseitigt, der die weisse Königsstellung noch zusammenhalten könnte und c) noch einen weiteren Bauern gewinnt. Weiss geht in der Folge ein am Druck gegen den Bauern f3 und durch den Springer c4. Bereits 11 Züge nach der letzten Diagrammstellung sieht es so aus: 4q2k/6p1/pb2p2p/1p1bp3/1Pn1Nr2/P2R1P2/2N3QP/4R2K b - - 0 39 Und Weiss steht mit dem Rücken zur Wand, von Gegenspiel keine Spur. Einen netten Hebel hat Schwarz 3 Züge später: 4qr1k/1b6/pb2p2p/1p2p1p1/1Pn5/P1NR1P2/2N3QP/4R2K b - - 0 42 42...g5-g4! Nach 43.Dxg4 Tg8 sah sich Weiss bereits gezwungen, die Dame für den Turm zu geben. Dass Fritz in dieser Partie fast mit Plan gespielt hat, sieht man daran, dass hier 4qr1k/1b2b1pp/p3p3/1p2p3/1Pn1N3/P4P2/2N3QP/3R1RK1 b - - 0 34 34...Ld8! der Läufer auf eine sehr entscheidende Diagonale (a7-g1) überführt wird. Dadurch wird der weisse König noch weiter in seinen Käfig gedrängt. Zusammen mit dem Läufer b7 sieht sich Weiss schon einer unangenehmen Läuferbatterie gegenüber. Ich würde eine solche Stelung mit Weiss nicht spielen wollen, geschweige denn müssen. Resümmierend lassen sich in diesem Match nicht ganz so viele positionelle Patzer bei Shredder feststellen wie vorher. Doch überzeugen konnte lediglich Fritz. Ob der Weltmeister Shredder mit einem eigenen, angepassten Buch an Fritz, Tiger und Junior heranreichen kann, wäre einen weiteren Test wert. Dazu bedarf es jedoch eines geeigneten Eröffnungsbuches. Dies müsste Stefan Meyer-Kahlen zur Verfügung stellen (Er wird einen Teufel tun und seinen einzigen Vorteil aus der Hand geben und es verteilen), es wird ein "besseres" Buch eines anderen Programms oder ein selbst gestricktes Buch genommen. Diese haben natürlich immer den Nachteil, dass sie nicht auf Shredder zugeschnitten sind und somit für den Fall eines schlechten Abschneidens immer eine Ausrede parat liegt. Auf der anderen Seite muss man anerkennen, dass in der SSDF der ChessTiger mit dem gleichen Eröffnungsbuch wie Shredder wesentlich besser abschneidet und nur marginal hinter den ersten beiden liegt. Ist ChessTiger daher wirklich besser, oder kommt er nur mit dem Buch besser zurecht? Ich tendiere zu erstem. Schauen wir aber mal, wie der gesamte Test endet. Inzwischen hege ich fast die Befürchtung, dass Shredder keine 50% erspielen wird, denn es warten nur noch die Tiger. Und die sind bekanntermassen bärenstark, GambitTiger 2 hat ausserdem noch eine Rechnung offen mit Shredder von dem Einer-gegen-alle-Turnier, als Shredder sensationell mit 7.5-2.5 gewann. Partien, aktuelle Zwischenstände usw. gibt es wie immer auf www.harald-faber.de
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