Author: Harald Faber
Date: 13:04:02 12/06/01
Ich habe selten ein 10-Partien-Match mit so vielen Remisen gesehen. Nur zwei Partien wurden gewonnen, einmal Fritz und einmal Tiger, die restlichen acht Partien endeten Remis. In der ersten Partie kam Tiger nicht sonderlich gut aus der Eröffnung: rnbqnrk1/pp4pp/3p4/2pP4/2P1NP1b/6N1/PP4BP/R1BQ1RK1 b - - 0 13 Der weiße f-Bauer kann u.U. schnell mit f4-f5-f6 angreifen, worauf sich Tiger schon zu 13...g6 durchgerungen hatte. Fritz ergreift daraufhin die richtige Idee und kämpft sich die lange Diagonale a1-h8 frei: r2q1rk1/pp6/3p2pp/2nP1b2/2PQNP1b/P1B5/6BP/R4RK1 b - - 0 21 Divese Abtauschorgien münden zunächst bei einem Mehrbauern bei einem Endspiel mit Turm+Läufer. Fritz lässt jedoch einen Turmtausch zu, so dass ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern entstand, das nicht zu gewinnen war. Nach weiteren 130 Zügen war die Partie schliesslich beendet. Russisch-Petroff stand in der zweiten Partie an. Tiger lässt zu, dass die eigene Bauernstruktur geschwächt wird, um bessere Entfaltungsmöglichkeiten für die Figuren zu erlangen. Es entsteht sogar ein Freibauer, der ist jedoch so weit vorgerückt, dass seine "Brüder" ihn nicht unterstützen können und er etwas schwach und anfällig auf d6 zum Stehen kommt. Um Fortschritte zu erzielen, lässt Tiger die Bauern am eigenen König laufen, wodurch dieser etwas luftig dasteht. Fritz kann kurz darauf mit der Dame in die weiße Stellung eindringen und den König etwas beschäftigen. Fritz verliert dabei einen Bauern, den Tiger kurz daruf für mich unverständlich wieder zurück gibt. q7/5ppk/3P1n1p/1p3P1P/1Bp3P1/2P1Q1K1/P7/8 w - - 0 66 Warum hat Tiger hier nicht 67.a3 gespielt, sondern zog stattdessen 67.Df3? Möglicherweise in übertriebenem Gewinnzwang und/oder Zeitnot stellt Tiger spielentscheidend den d-Bauern ein, wonach die weisse Stellung endgültig zusammen bricht. 8/6pk/5p1p/1p1qnP1P/2p3P1/B1P3K1/4Q3/8 w - - 0 88 Hier ist Weiß völlig überspielt, 88.Lb4 Dd3+! 89.Dxd3 cxd3 -+ (0-1/104) Ein vorübergehendes Bauernopfer für einen aktiven Turm auf der zweiten Reihe brachte Tiger in der dritten Partie. Als der Bauer wieder zurück gewonnen wurde, entstand ein Turmendspiel, und Turmendspiele sind (fast immer) remis, so auch in dieser Partie. (0.5/102) Auch in der vierten Partie diktierte Tiger das Spiel. Bis zum Endspiel mit Turm plus Leichtifugr plus fünf Bauern war nicht viel los. Es dauerte noch über dreißig Züge, bis weitere Bauern vom Brett verschwanden. Nach dieser Abwicklung hatte Fritz einen Bauern geopfert, doch dafür bekam er einen gefährlichen Freibauern. Dieser konnte getauscht werden, wonach das resultierende Endspiel Läufer plus zwei Bauern gegen Springer plus ein Bauer nicht zu gewinnen war. (0.5/126) Nicht viel los war in der fünften Partie, einem angenommenen Damengambit. 13 Züge Buch, nach 30 Zügen war dann schon ein Endspiel Turm plus Leichtifgur plus 3 Bauern auf dem Brett. Keiner der beiden konnte einen Vorteil erspielen, remis nach 61 Zügen. Zum dritten Mal Russisch Petroff kam in der sechsten Runde aufs Brett. Während Tiger die erste Partie (Runde 2) mit dieser Variante mit 10.Sc3 verlor und die zweite Partie (Runde 4) nach der Abweichung 10.cxd5 remisierte, probierte Tiger in dieser Partie erneut 10.cxd5 und wich erst im 21. Zug von der Remis-Partie ab. Hier griff offenbar die Lernfunktion. Dadurch konnte Tiger mehr Druck auf die schwarze Stellung ausüben, wie man bereits in dieser Stellung trotz Minusbauer sehen kann: 2rr4/4k3/p2pnp2/1p2n2p/8/1BB5/PP1R2PP/3R2K1 w - - 0 34 Hier hatte sich Schwarz schon etwas erholt, doch die schlechte Figurenkoordination und die Schwächen f6 und h4 spielen eine wichtige Rolle, zumal das weiße Läuferpaar in dieser offenen Stellung optimale Wirkungskraft erzielt: 8/2r2k2/5p2/p1nn3r/1p4Rp/1P5P/P3R1P1/1B2BK2 b - - 0 56 Und hier ist 64...Te7 vielleicht schon ein spielentscheidender Fehler: 8/2n4r/6k1/p2n4/1p1BRp1p/1P5P/P3BKP1/8 b - - 0 64 64...Te7 65.Txe7 Sxe7 66.Ld3+ Kh6 67.Lb6 +- Der a-Bauer fällt 67...Scd5 68.Lxa5 Sc6?! 69.Le4! Kg5 70.Lxd5 Sxa5 und der Sa5 spielt erst mal nicht mehr mit. (1-0/82) Satte 23 Buchzüge absolvierten beide in der siebten Partie und das Endspiel war erreicht. Fritz mit Turm plus Bauer gegen 2 Läufer von Tiger bei vereinzelten (Doppel-)Bauern auf c, f und h. Ohne zusätzliche Figuren ist sowas nur schwer zu gewinnen, egal für welche Seite. Fritz versuchte es zwar mit einem Gewaltopfer: 5k2/2p2p2/2bb1p2/8/1P2P1PP/2P2K2/8/3R4 w - - 0 30 30.Txd6!? cxd6 31.c4 Doch zum Gewinn reichte es nicht, weil der Bauer d6 verhinderte, dass die weißen b- und c-Bauern zum Selbstläufer werden. (0.5/49) Eine optische Überlegenheit für Weiß zeigte sich zunächst in der achten Partie: r7/pp1q1pkn/1b4pN/3pr1Pp/3Nn2P/4BQ2/PPP2P2/3R1RK1 b - - 0 21 Die Befreiung findet Fritz: 21...f6! Und nach knapp 10 weiteren Zügen konnte Schwarz die Initiative übernehmen: 8/pp4kn/5npN/3qr2p/3p3P/5R2/PPr2PQ1/2B2R1K w - - 0 30 30.Tg1 Txc1!? 31.Dxg6+ Kf8 32.Txc1 Dxf3+ 33.Kg1 Dd5 34.f4 Te8 35.Tc7 und Weiß hat zwar eine Figur, der offene schwarze Kaiser aber auch Stellung weniger. Zum Gewinn reicht es wieder nicht: 35...Te7 36.Tc8+ Se8 37.Sf5 Df7 38.Dh6+ Kg8 39.Sxe7+ Dxe7 mit Dauerschach Dh6-g6+. (0.5/43) Einen wilden Schotten gab es in der neunten Runde. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, war folgende Stellung auf dem Brett: 7r/pkpr1p1p/3p4/2p1n1P1/2P5/PP4P1/3N3P/R2K3R w - - 0 22 Hier ist es schwierig, einen Vorteil aus zu machen. Weiß kann schneller die e-Linie besetzen, die aber ganz einfach durch den schwarzen Springer auf e5 versperrt wird. Also evtl. mit b3-b4 hebeln und/oder den rückständigen f-Bauern aufs Korn nehmen. Dafür kann Schwarz den Königsflügel aufhebeln und auf die weissen g- und h-Bauern spielen. In der Partie passierte beides. Nachdem einiges Material vom Brett verschwand, hatte Schwarz=Tiger zwar einen Mehrbauern, aber wie (fast) immer in Turmendspielen: Sie sind nun mal remis...(0.5/50) Slawisch stand in der Schlusspartie auf dem Programm, ebenso wie in der zweiten Runde des Matches Fritz7-ChessTiger14. Diesmal hatte der Tiger jedoch Weiß, und Fritz wich im 15. Zug mit Schwarz ab. Es war wieder einmal eine dieser heissen Stellungen mit Figur (Tiger) gegen 4 Bauern (Fritz): 2kr3r/pp4Rp/2p1p3/2n2p2/P1N5/4Q3/1PK1B2q/R7 w - f6 0 20 In dieser Stellung ist alles drin. Tiger fühlte sich wohl mit +1.02 für 20.Tf1 und es ging noch weiter bis +3.24 in dieser Stellung: 5N2/2k5/p6R/3r1pn1/1K6/3B4/8/8 w - - 0 42 Bei keinen weißen Bauern auf dem Brett ist der Gewinn in weite Ferne gerückt. Selbst wenn die beiden schwarzen Bauern jetzt vom Brett genommen würden, müsste die Stellung remis sein. Nachdem Weiß einen Abtausch der Springer zuließ, um den Bauern f5 zu gewinnen, war das Remis klar. Spätestens, als Weiß hier 5r2/2k5/8/5BR1/p7/1K6/8/8 w - - 0 47 den a-Bauern nicht geschlagen hatte, war offensichtlich, dass die Stellung remis ist. Denn Weiß hat den Bauern nicht geschlagen, weil die Bewertung gut positiv war (+2.56), ein Schlagen jedoch direkt aus den Endspieldatenbanken sofort Remis angezeigt hätte. Mit +2.56 vermeidet das Programm natürlich an dieser Stelle das Remis=Schlagen. Es hilft aber alles nichts. (0.5/125) Ein Match mit wenigen spannenden Partien und erstaunlich vielen Remisen. Remis-förderlich war vermutlich auch, dass in einigen Partien die Programme erst fast im Endspiel aus dem Eröffnungsbuch entlassen wurden. Mal sehen, ob der GambitTiger 2 mit den aggressiv-Einstellungen eine geringere Remis-Quote schafft...
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Last modified: Thu, 15 Apr 21 08:11:13 -0700
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