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Subject: Emanuel Lasker about Chess, Machëides, and how to win [german original]

Author: Thorsten Czub

Date: 16:40:33 09/15/02


this text is out of world chess champion Emanuel Laskers philosophical book
"The philosophy of the unattainable" from 1919. Here Lasker decribes his
concepts of chess, philosophy and life.

The text has helped me to create Rebel Century4/XP Machëide:

Denn Schachweltmeister  Dr.Emanuel Lasker schreibt über den Machëiden ( in
Emanuel Laskers DIE PHILOSOPHIE DES UNVOLLENDBAR )
in Kapitel  25. Prinzipien des machëidischen Kampfes.:

"Der Machëide wird also von den Figuren und allen möglichen Vorfällen des
Kampfes eine eindeutig bestimmte, exakte Wertungsreihe aufstellen.
Wie diese Wertungsreihe im einzelnen verläuft, wissen wir nicht; aber die
Existenz der machëidischen Wertungsreihe ist fraglos. Sie ist es, die den
Machëiden befähigt, dem Prinzipe der Wirksamkeit zu folgen. Jeder Entschluß, den
er fassen kann, hat eine Handlung zur Folge, und diese Handlung hat eine Stelle
in der Wertungsreihe. An ihrem Werte vermag der Machëide zu ersehn, ob sie
Vorteil bringt oder nicht. Dabei ist noch gar nicht die Frage, wie er diesen
Wert, diese Stelle in der Wertungsreihe, bestimme. Daß die Wertungsreihe
existieren muß, hatten wir eben bewiesen. Die Tatsache dieser Existenz genügt
bereits für den oben gezogenen Schluß.
Die Struktur der Wertungsreihe ist es nun von hoher Wichtigkeit, zu erforschen.
Der Begriff des Wertes hat eine ungemein große Zahl von Ausprägungen. Alles, was
auf Kampf Einfluß übt, ist "Figur" im Kampfe und hat "Wert". Da nun im Leben
Kämpfe der mannigfachsten Art ausgefochten werden, so hat der Mensch ungemein
viele Begriffe gebildet, die unter den Begriff des Wertes fallen.
Um nur einige von ihnen zu nennen: Wir sprechen von der Stärke eines Last- oder
Zugtiers, oder der Muskeln, oder eines Heeres, oder eines Angriffs, von der
Größe einer Kraft, einer Wirkung, einer Gefahr, von der Schwierigkeit, eines
Unternehmens, einer Aufgabe, einer Lage, von Graden der Intelligenz, der
Willenskraft, der Tüchtigkeit, von der Würde eines Menschen, eines Charakters,
einer Sache, von der Macht eines Staates, einer Partei, der Verhältnisse, einer
Leidenschaft, eines Gedankens.
Wie sehr man aber auch die Beispiele häufe, es ist unmöglich, die Aufzählung der
Werte zu erschöpfen, weil alles und jedes, was auf den Entschluß des Machëiden
als Motiv wirken kann, stärker oder schwächer wirkt und somit als ein Wert
eingeordnet werden muß.
Ein Beispiel für die Reihe der Werte bietet das geschichtliche Schachspiel.
Mathematiker haben sich das Problem vorgelegt, zu bestimmen, welche
Beweglichkeit den Figuren auf leerem Brette zukommt und haben die
durchschnittliche Beweglichkeit einer Figur versuchsweise als deren Wert
angenommen. Die Erfahrung der Meister hat diese Annahme bestätigt.

Natürlich ist dies Verfahren nur ein angenähertes. Der Wert einer Figur hängt
sehr von ihrer Stellung ab, und es ist nicht bloß die Beweglichkeit, die diesen
Wert bestimmt. Wenn eine Figur einen sichern Posten einnimmt und von dort
starken Druck auf den Gegner ausübt, so wird ihr Wert dadurch gehoben. Überhaupt
ist der Wert jeder Figur im Laufe der Partie veränderlich, zumindest ein wenig,
und nicht immer stimmt die Skala, welche die Schachmeister für die
durchschnittliche Stellung als richtig anerkennen. Sie stimmt aber zumeist, und
man vermag, wenn sie nicht stimmt, dafür einen Grund anzugeben und die
veränderte Wertskala angenähert zu berechnen.
Freilich ist das geschichtliche Schachspiel als Beispiel für einen machëidischen
Kampf nicht geeignet. Der Zweck des Schachkampfes erfüllt keineswegs die
Bedingung, daß er der Wirklichkeit genügend nahe stehe, und daher ist der
machëidische Zug nur in seltnen Fällen eindeutig bestimmt.
Diesem Mangel läßt sich abhelfen, indem man das Schachbrett vergrößert denkt und
solche der Natur recht wenig entsprechenden Besonderheiten wie das Matt und Patt
ausschaltet. Ein Kampf von Figuren, darauf berechnet, daß jene Partei gewinnt,
welche das meiste Terrain, oder das meiste wertvolle Terrain, erobert und
behält, würde der Wirklichkeit näher kommen, denn dafür ist ein Krieg der
Eroberung ein Vorbild. In einem solchen Schachspiel vermöchte wohl das Verfahren
der Mathematiker für die Berechnung der Wertungsreihe recht brauchbare
Ergebnisse zu liefern. Zudem ließe sich ein solches Schachspiel bei geschickter
Auswahl der Regeln so ausgestalten, daß in der allergrößten Mehrzahl der
Stellungen der machëidische Zug eindeutig ist, wozu genügte, daß auch geringe
Unterschiede im Werte der Züge für die Erreichung des Zwecks noch fühlbar
seien."

[...]

"Der Angreifer, der den Wertgewinn erzielen will, muß nach dem Prinzipe der
Kompensation willens sein, eine Kompensation zu leisten. Diese Kompensation
trägt, verschiedne Namen, z. B. Preis, Gewalt, Zwang, Begründung,
Rechtfertigung. Er zahlt einen Preis, wenn die Kompensation in dem dauernden
Verluste einer Figur besteht, er wendet Gewalt an oder übt Zwang aus, wenn er
ko-operativen Wert für eine Weile dem Zwecke des Angriffs widmet, er begründet,
wenn die Kompensation in Festlegung von beweisenden Grundsätzen besteht, er
rechtfertigt sich auf juristischer Grundlage oder durch moralische Betrachtung,
wenn die beabsichtigte Änderung die Kündigung eines ausdrücklichen oder
stillschweigenden Vertrages oder Übereinkommens erheischt. Doch braucht durch
diese Aufzählung die Mannigfaltigkeit der Arten von Kompensation keineswegs
erschöpft zu sein.
Nach dem Prinzipe der Proportion wird die Kompensation, die der Angreifer zu
zahlen bereit ist, desto höheren Wert haben, je höheren Wert die angestrebte
Änderung für ihn hat.
Und nach dem Satz vom Grunde des Wertes muß die angestrebte Änderung sachlich zu
motivieren sein.
Diese sachliche Motivation nun nennen wir, wie groß auch die Mannigfaltigkeit
ihrer Arten sein mag, immer mit demselben Namen: Übergewicht.
Daher erlangen wir den Grundsatz: Der machëidische Angreifer motiviert seinen
Angriff immer durch ein Übergewicht. Je höher sein Übergewicht, desto höher der
von ihm angestrebte Wertgewinn.
Übergewicht bezeichnet im Kriege mehr Truppen, bessre Bewaffnung, schnellre
Beförderung, bessre Aufklärung - kurz, irgend einen sachlich begründeten
Vorteil. Im kaufmännischen Betriebe: bessre Qualität der Ware, geringrer Preis,
bessre Zahlungsbedingungen, höheres Kapital, bessre Einführung, bessrer Name
usf. Im philosophischen Streite hat mein Gegner das Übergewicht, z. B. wenn ich
mich durch Behauptungen oder Zugeständnisse mehr festgelegt und gebunden habe
als er, oder wenn er seine Thesen klar, bestimmt, in geordnetem Zusammenhang
vorgetragen hat und mich darin übertrifft.
Clausewitz formuliert den Satz vom Übergewicht so: ,,Wenn wir die neueste
Kriegsgeschichte ohne Vorurteil betrachten, so müssen wir uns gestehen, daß die
Überlegenheit in der Zahl mit jedem Tag entscheidender wird. Wir müssen also den
Grundsatz, möglichst stark im entscheidenden Gefecht zu sein, allerdings jetzt
etwas höher stellen, als er vielleicht ehemals gestellt worden ist." - - ,,Mut
und Geist des Heeres haben zu allen Zeiten die physischen Kräfte gesteigert und
werden es auch ferner tun. Aber wir finden in der Geschichte Zeiten, wo eine
große Überlegenheit in der Einrichtung und Ausrüstung der Heere, andere, wo eine
solche Überlegenheit in der Beweglichkeit ein bedeutendes moralisches
Übergewicht gab."
Ein ungemein bedeutsames Beispiel für den Angriff ist die Anklage. Um
anzuklagen, brauche ich nicht vor den Richter zu zitieren; wenn ich eine Partei
angreife, um ihr einen Verlust an Wert zuzufügen, z. B. sie in der Hochschätzung
der Gesellschaft herabzusetzen, so klage ich sie damit an. Eine Anklage ist nach
dem oben Gesagten sicher nicht machëidisch, wenn sie nicht einem sachlichen
Interesse dient und wenn die Festigkeit, die Stärke, die Treffsicherheit ihrer
Begründung nicht proportional ist dem Gewichte der Anklage. Soll also die
Anklage starke Folgen haben, so braucht sie starke Stützen. In einer
machëidischen Gesellschaft wird der Anklagende um so vorsichtiger, behutsamer,
gewissenhafter sein, je mehr Veränderungen in den Werten, z. B. der
Hochschätzung, seine Klage zur Folge hat.
Gegen dies Kampfprinzip wird in unsrer Gesellschaft offenbar am meisten
gesündigt. Wie frivol werden heutzutage schwere Anklagen gegen große Gruppen von
Menschen geschleudert!
Wie führt der Machëide den Angriff durch ? -- Er beweist sein Übergewicht.
In der Verhandlung besteht der Angriff in der Aufstellung eines Systems von
Behauptungen. Das System muß dabei so geordnet sein, daß es ungeachtet der
Einwürfe des Verteidigers begründende Kraft hat. Mögen die Einwürfe des
Verteidigers tatsächlich erfolgen oder nur vorausgesehn, nur möglich sein, die
Behauptung des Angreifers muß sich auf begründende Voraussetzungen, auf ein
starkes Fundament, auf unleugbare Zugeständnisse stützen.
Im machëidischen Angriff steckt eine Folgerichtigkeit, die zwingend zur Geltung
gelangt.
Alle diese Sätze folgen aus dem Satze vom Grunde des Wertes. Der Wert, den der
Machëide durch seinen Angriffsplan zu gewinnen trachtet, muß aus einer
Wirksamkeit stammen, muß sachlich motiviert sein. Nun aber wäre der Angriff
nicht ohne ein bestimmtes Übergewicht so geplant, wie er geplant war, denn der
Wert des Übergewichts steht ja im Verhältnis zum Werte des Angriffsziels. Also
ist das Angriffsziel abhängig vom Übergewicht. Ferner ist der Angriffsplan des
Machëiden eindeutig bestimmt, weil dieser Plan ja Teil ist seines
augenblicklichen Entschlusses. Dieser eindeutig bestimmte Angriffsplan soll das
Angriffsziel gegen machëidischen Widerstand erreichen. Das heißt aber, der
Angriffsplan ist zwingend, erweisend. Und was er erweist, das ist das dem
Angriffe zugrunde liegende Übergewicht, weil doch eben dieses Übergewicht und
nur dieses den entsprechenden machëidischen Plan ins Leben ruft.
Allerdings ist dies Übergewicht nur Mittel. Der Angreifer will in den Genuß
eines von ihm erstrebten Wertes gelangen, und dazu setzt er sein Übergewicht
ein. Er will z. B. seiner Macht einen dauernden Schutz gewinnen, die Macht
seines ärgsten Feindes dauernd schwächen; das Übergewicht ist vielleicht nur für
sehr kurze Zeit vorhanden, er will es so verwenden, daß er dauernden Vorteil
daraus zieht. In jedem Falle will der Angreifer sein Übergewicht als ein Mittel
verwenden, um ein bestimmtes Ziel, das zur Erreichung des Kampfzwecks von
Vorteil ist, zu gewinnen.
Der Angriffsplan hat eine bestimmte Struktur, nämlich die Struktur eines
Beweises. Der Beweisende geht von feststehenden Regeln und von Zugeständnissen
aus und erschließt Schritt für Schritt weitere Zugeständnisse, bis das
Beweisziel erreicht ist. Der Angreifer verfährt analog: er geht aus von sichern
Positionen, greift zunächst Figuren von geringer Resistenz, "Schwächen", an und
schreitet fort, indem er eine Schwäche nach der andern einnimmt, bis zur
Gewinnung des Angriffsziels.
Das Verfahren des Angreifers erscheint niemals sparsam. Denn die Gewinnung einer
Schwäche ist immer nur Mittel zum Zweck und würde ohne Erreichung des Endziels,
die Mühe ihrer Gewinnung nicht lohnen. Aber im Lichte des vom Angreifer
erstrebten Endziels ist sein Verfahren in der Tat sparsam. Durch das Endziel
stellt der Angreifer sich die Aufgabe, von der aus gesehn sich seine scheinbare
Verschwendung von Mitteln als ökonomisch erweist. Indem der Machëide sich das
Angriffsziel steckt, kompensiert er sein Übergewicht aufs genaueste und verfährt
nun wie ein Organisator, also ökonomisch.
Die Sprache z. B. verfährt, wenn sie sich bereichern will, nicht sparsam an
Mitteln. Die Wurzeln der Verba in der hebräischen Sprache z. B. hatten
ursprünglich zwei Konsonanten, später bei wachsender Verwicklung des Ausdrucks,
drei; die Vokale waren ursprünglich drei, in der spätern Epoche eine größere
Zahl. Umgekehrt, solange die Sprache ihre Ausdrucksmöglichkeiten festhält,
schleift sie sich ab und hat eine ausgesprochne Tendenz auf Sparsamkeit der
Mittel. Aber auch, wenn sie an Mitteln verschwenderisch ist, ist sie sparsam in
andrer Weise. Wenn sie verschwendet, gewinnt sie ein Angriffsziel: sie begabt
eine große Menge von Menschen mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten; und in Ansehung
dieses Zweckes erlangt sie für ihre anscheinende Verschwendung eine genügende
Kompensation.
Der machëidische Künstler, der eine Idee ausdrücken will, wendet sich nicht
unnütz an die Aufmerksamkeit seines Publikums. Um aber ein Gebilde seines Werks
hervorzuheben, zwingt er in starken Akzenten die Aufmerksamkeit dorthin. Dann
greift er an, dann geht er mit der Aufmerksamkeit nicht sparsam um, dann drängt
er das Gebilde vor, dann wirft er das Licht auf jenen Punkt, und schmückt die
Stelle aus. Bei alledem tut er dies nicht ohne Grund; er gewinnt grade dort eine
starke Kompensation. Und zieht man diesen ihm vorschwebenden Zweck in Betracht,
so war sein Verfahren bei alledem sparsam.
Wir hatten gesagt, daß Übergewicht die notwendige Bedingung sei für Angriff.
Fernerhin ist aber auch Übergewicht die genügende Bedingung für Angriff. Denn
gemäß dem Prinzipe der Proportion muß nach Verlauf einer Zeit ein Übergewicht
sich noch irgendwie erhalten und bewährt haben, und zwar proportional seinem
Werte. Das Übergewicht kann im machëidischen Kampfe nach Verlauf einer Zeit
nicht einfach verschwunden, sondern nur umgeformt sein. Im machëidischen Kampfe
muß jedes Übergewicht im Verlaufe der Zeit sich erhalten oder kompensieren. Nun
aber ist das Übergewicht doch nur Mittel zum Zweck; es nicht zu benutzen, hieße
Gelegenheit verpassen; der Machëide wird daher das Übergewicht nutzbar machen,
er wird mit dessen Hilfe sich dem Zwecke nähern, es somit für Kompensationen
aufbrauchen, es für Angriff einsetzen.
Daraus ergibt sich denn für den Fast-Machëiden die Verpflichtung, wo immer er
ein Übergewicht hat, es mit Gewalt zur Geltung zu bringen.
Und dieser Prozeß ist ein Angriff, weil die Initiative dazu vom Fast-Machëiden
ausgeht. Dies trifft selbst zu, wenn das Übergewicht in einem Mehr an Resistenz
besteht. Der Angreifer kann diese Resistenz ausnützen nur, indem er auf sie die
Wucht des Feindes gewaltsam hinlenkt. Dann hat es den Anschein, als ob der Feind
angriffe, es stammt jedoch die erste Initiative dazu von dem Machëiden, der
seine Resistenzen so werthaltig macht, ihnen solche Funktionen überweist, daß
der Vorstoß des Feindes dadurch erzwungen wird.
Es gilt also ohne Einschränkung: Im machëidischen Kampfe verpflichtet, jedwedes
Übergewicht zur Ausführung eines Angriffs."


[...]

"Die machëidische Verteidigung hat etwas Offenes und Geradliniges an sich. Sie
wird sich klar, welche Zugeständnisse sie machen muß, und diese macht sie ohne
Zurückhaltung. Doch darüber hinaus gibt sie nicht den Punkt über dem i preis.
Sie erkennt den vorhandnen Zwang an und trägt ihm Rechnung, doch ihre Analyse
des Zwanges ist tiefbohrend, sie entdeckt alle Scheinbarkeiten, deckt sie auf
und widersteht ihnen.
Der nicht-machëidische Verteidiger begeht oft den Fehler, sich bluffen zu
lassen: er hält eine scheinbare Drohung fälschlich für zwingend und läßt sich zu
übergroßen Abwehrmaßnahmen verleiten. Die Deckungen des machëidischen
Verteidigers hingegen sind nur grade noch genügend; auf engstem Pfade wandert er
kühn und unbeirrt, obwohl neben ihm der Abgrund gähnt. Er stürzt nicht hinein,
geht aber bis zum äußersten Rande.
Die machëidische Verteidigung ist durchaus notwendig und grade genügend.
So zwingt der machëidische Verteidiger den machëidischen Angreifer zu den
äußersten Anstrengungen.
Und hält nun der nicht-machëidische Angreifer die machëidische Verteidigung für
nicht genügend, so muß er gewaltige Opfer bringen, denn er übersieht sicherlich
eine feine Parade.
Der Verteidiger ist zwar gehalten, das Angriffsziel in Rücksicht zu ziehn, doch
liest er es nicht psychologisch, sondern aus der Sprache der Tat, des Handelns,
des Kampfes.
Denken wir, um diese These zu erläutern, an einen Disput! Der Verteidiger,
besagt unsre These für diesen Fall, soll das Ziel des Angreifers aus dessen
Aufstellungen zu erschließen trachten, jedoch nicht durch psychologische
Zergliederung oder andre indirekte Mittel. Den ausgesprochenen Behauptungen des
Angreifers soll der Verteidiger entgegentreten, aber nur diesen. Freilich
braucht die Behauptung des Angreifers nicht grade durch Rede oder Schrift
ausgesprochen zu sein, denn Ausdrucksmittel sind mannigfach, z. B. gehören
Gesten, Betonungen, Pausen in der Rede dazu; aber ein Machëide weiß zu sagen,
was Ausdruck gefunden hat, und was nicht. In diesem Sinne gilt unsre These.
Der nicht ausgesprochnen Behauptung entgegenzutreten nämlich würde die Aufgabe
des Angreifers erleichtern. Gesetzt auch, daß die Verteidigung einen möglichen
Angriff verbaut, so erleichtert sie dadurch, daß sie den Beginn des Angriffs
nicht erst abwartet, dem Angreifer die Disposition über seine Kräfte.
Machëidische Angriffsziele haben viel Beweglichkeit; sie sind gespickt mit
Entweder - Oder. Wenn nun der Verteidiger durch eine nicht erzwungne Maßnahme
vorschnell eine der Alternativen verhindert, so strengt er sich nutzlos an, denn
dann wählt der Angreifer eine der andern Alternativen, nur mit um so größrer
Wucht. Vorschnelle Verteidigung ist also eine Taktik, deren Minderwertigkeit
einleuchtet. Sie verstößt gegen das Prinzip der Ökonomie. Es wäre nicht sparsam,
eine Alternative auszuschalten, bevor man dazu gezwungen wird, denn eine solche
Verteidigung wäre zwar in bezug auf die betreffende Alternative genügend, aber
nicht notwendig.
Der Verteidiger, der zu Opfern gezwungen wird, opfert vorzugsweise Werte, welche
sich ersetzen lassen oder wenig Dauer haben.
Es folgt dies aus dem Prinzipe, daß der Verteidiger an Kompensationen spart.
Daher entflieht der Verteidiger dem wuchtigen Stoße, weil er dadurch an
dauernden Werten spart und nur Beweglichkeit opfert, und wählt als Fluchtlinie
eine ,,linea minoris resistentiae", d. h. jene Bahn, worauf er den geringsten
Widerstand zu überwinden hat.
Diese ,,linea minoris resistentiae" ist durchaus nur Symbol. Nur in seltnen
Fällen ist sie räumlich. Sie ist z. B. zeitlich, wenn es sich um die Frage
handelt, was der Verteidiger zunächst tun solle. Darauf lautet die Antwort: das
Dringende. Dieses nämlich, durch den fühlbaren Zwang, den es ausübt, deutet die
linea minoris resistentiae an. Kritische Zurückhaltung, freilich, ist auch da
geboten, auch das Dringende muß sich erweisen, man muß sich also vor Täuschung
hüten. Doch erweist es sich, so sei man getrost, dann ist der machëidische Zug
leicht. carlyle, der Anweisung gibt, wie man arbeiten, doch nie verzweifeln
solle, sagt: ,,Tue die Pflicht, welche Dir am nächsten liegt, von welcher Du
weißt, daß sie eine Pflicht, ist! Deine zweite Pflicht wird dann schon viel
klarer geworden sein."
Ein Heer, das sich gegen den Feind, Ungemach, Entbehrungen verteidigt, soll,
nach Clausewitz, wie folgt verfahren:
"Ein Heer, das im zerstörenden Feuer seine gewohnten Ordnungen behält, das
niemals von einer eingebildeten Furcht geschreckt wird und der begründeten den
Raum Fuß für Fuß streitig macht, das stolz im Gefühl seiner Siege, auch mitten
im Verderben der Niederlage die Kraft zum Gehorsam nicht verliert, nicht die
Achtung und das Zutrauen zu seinen Führern, dessen körperliche Kräfte in der
Übung von Entbehrung und Anstrengung gestählt sind wie die Muskeln eines
Athleten, das diese Anstrengungen ansieht als ein Mittel zum Siege, nicht als
einen Fluch, der auf seinen Fahnen ruht, und das an alle diese Pflichten und
Tugenden durch den kurzen Katechismus einer einzigen Vorstellung erinnert wird,
nämlich der Ehre seiner Waffen: ein solches Heer ist vom kriegerischen Geiste
durchdrungen."
Das oben Gesagte gilt für alle Veränderungen der Lage, die von der einen Seite,
dem Angreifer, angestrebt, von der andern Seite, dem Verteidiger, behindert
werden. Sei die Änderung groß oder klein, immer ist das Verfahren des
machëidischen Angreifers logisch, zwingend, ein Übergewicht erweisend, und immer
das Verfahren des machëidischen Verteidigers ein ökonomisches, an Kompensation
sparendes."



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