Author: Thorsten Czub
Date: 16:20:03 06/24/03
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>>Du streust Gerüchte und Unwahrheiten ("gibt es gar interne Spannungen"; CB
>>riskiert via CSS - CB hat keinen Einfluss auf das Forum von CSS!!!) statt
>>sachlich und bestimmt Deine Kritik oder Frage zu einem Produkt vorzutragen.
>
>Ich streue keine Gerüchte und keine Unwahrheiten, ich habe FRAGEN gestellt und
>diese mit einem FRAGEZEICHEN deutlich als solche gekennzeichnet.
>
>Hagra
Arno Gruen
* [Der Wahnsinn der Normalität] (1987) Realismus als Krankheit: eine
grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität
Über das Böse in der Welt ist viel nachgedacht worden, und die Psychologie hat
verschiedene Thesen zur Destruktivität des Menschen entwickelt. Selten wurden
aber mit solcher Konsequenz die Ursachen aufgespürt wie von Arno Gruen, wenn er
zeigt, wie Gewalt und Unmenschlichkeit im Inneren des Menschen entstehen und wie
sich unser soziales Leben darauf eingerichtet hat, dass der herrschende Wahnsinn
lebensfeindlichen Handelns den Mantel realitätsgerechten Verhaltens trägt. Er
öffnet den Blick dafür, dass menschliche Destruktivität nicht einfach eine
Fähigkeit zum Bösen ist, sondern vielmehr die Folge eines Mangels, der als
solcher nicht erkannt wird: Wo das Vermögen abhanden gekommen ist, die eigenen
Gefühle wahrzunehmen, und Selbsthass an deren Stelle getreten ist, ist auch die
Fähigkeit zu wirklichem Mitgefühl und echtem Mitfühlen verlorengegangen. Im
»Wahnsinn der Normalität« legt er die Wurzeln der Destruktivität frei, die sich
viel öfter, als es uns klar ist, hinter vermeintlicher Menschenfreundlichkeit
oder ordnungsstiftender Vernunft verbergen.
Interdependenz und Funktionalität der linken und rechten Gehirnhälfte
Die relative Spezialisierung der Gehirnareale sowie der linken und rechten
Gehirnhälfte darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass durch die funktionelle
Plastizität des Gehirns auch in bedingter Form interhemisphärische Aufgaben
gelöst und Informationen ausgetauscht werden können, selbst wenn der
interhemisphärische Balken fehlt oder durchgetrennt ist, wie Untersuchungen an
Spalthirn-Patienten gezeigt haben.
Bei angeborenem Balkenmangel konnten nahezu alle Funktionen durch die
Aktivierung von Verknüpfungen im Stammhirn und anderer Gehirnareale kompensiert
werden. Die klinische Untersuchung einer Patientin in Los-Angeles, bei der
abwechselnd beide Gehirnhälften betäubt wurden, konnte sogar eine bedingte
Sprachfähigkeit in der rechten Gehirnhälfte nachweisen (Sinz 1978:172). Dieses
Ergebnis bestätigt die dynamische Plastizität des Gehirns, welches in der Lage
zu sein scheint, durch Läsionen ausgefallene Areale durch andere Verknüpfungen
zumindest partiell zu ersetzen. Collins geht sogar von der Annahme aus, „that
both hemispheres can make lexical decisions without the necessity for callosal
relay of information, and words are primarily encoded in the hemisphere to which
they are initially projected.” (Collins 1998:29)
Molfese und Segalowitz (Tappe 1999:60f.) statuieren in ihrer
Äquipotentialitätshypothese, dass beide Gehirnhälften in der postnatalen Phase
zunächst gleiche Funktionen übernehmen können, welches durch die Beobachtung
gestützt wird, dass bei jungen Hemisphärektomie-Patienten die Übernahme der
Sprachfunktionen durch die rechte Hemisphäre gegeben ist. Die Lateralisierung
und Spezialisierung der kognitiven Funktionen würde sich dann erst im Zuge der
physiologischen und psychologischen Entwicklung der Kinder bis etwa in das 12.
Lebensjahr herausbilden, sodass die Hirnplastizität mit zunehmendem Alter immer
weiter abnehmen würde.
Seit Ende der 70er Jahre wurde die Äquipotentialitätshypothese jedoch immer
nachdrücklicher zu Gunsten einer angeborenen Hemisphärenspezialisierung mit der
Anlage einer prä- oder postnatal vorhandenen Lateralisation kognitiver
Fähigkeiten in Frage gestellt (Tappe 1999:62). Die Genesung bei linksseitigen
Hirnläsionen wird in diesen Konzeptionen vielmehr auf eine Reorganisation der
linken Hemisphäre zurückgeführt als auf die Übernahme sprachlicher Funktionen
durch die rechte Hemisphäre. Wenn die Entwicklung oder die Anlage der
Lateralisation bei der Geburt bereits abgeschlossen wäre, würden durch die
Maturation des Corpus-Callosum nur noch bedingte Veränderungen der
Hemisphärenspezialisierung herausgebildet. Ob die „Lokalisierungsmuster nur zum
Teil oder vollständig auf verschiedene Verarbeitungsstile der beiden Hemisphären
zurückführbar sind, steht beim jetzigen Stand der Forschung“, so Tappe, „noch
aus.“ (Tappe 1999:68).
A. Friederici verweist unter Rekurs auf Moscovitch in ihrer Inhibitionshypothese
auf die Tatsache, dass die Sprachdominanz der linken Hemisphäre auch durch die
Inhibition der rechten Gehirnhälfte erklärt werden kann. Untersuchungen an
„split-brain“ Patienten haben belegt, dass die linke Gehirnhälfte die rechte in
linguistischer Hinsicht bei Sprachverarbeitungsprozessen hemmte, sodass sich die
rechte Hemisphäre bei gesunden Patienten minder ausbildete. Bei
Spalthirn-Patienten hingegen, bei denen die inhibitorischen Einflüsse keine
Rolle spielten, konnten die Sprachfunktionen von der rechten Hemisphäre
übernommen werden. Eine weitere Unterstützung für diese Hypothese wurde durch
Untersuchungen bei Läsionen in der linken Hemisphäre aufgezeigt, die zu
Sprachausfällen führte, weil nach der gesamten chirurgischen Entfernung der
linken Hemisphäre diese Defizite nicht mehr zu beobachten waren (Friederici
1984:28).
In der neueren Hirnforschung ist sogar von einem „Wettstreit der Hemisphären“
die Rede, welche die Inhibitionshypothese Moscovitchs stärken würde. Hilgetag
geht davon aus (2002:10), dass die linke und rechte Hemisphäre miteinander in
einer Art „Aufmerksamkeits-Wettbewerb“ stehen. Durch die jeweilige
Aktivitätsleistung oder -steigerung der einen Hirnhälfte werde, so Hilgetag, die
andere in ihrer Funktionsweise unterdrückt. Dieses führe auch dazu, dass bei
einer Schwächung der rechten Regionen die linke Hirnhälfte von ihrer normalen
Hemmung durch die rechte Hemisphäre befreit würde und eine übernormale Aktivität
entwickele. Wenn dieser „Wettstreit“ ein generelles Funktionsprinzip des Gehirns
sein sollte, so würden dadurch Ressourcen optimal zugewiesen und die Plastizität
gefördert.
Die Hypothese der zerebralen Asymmetrie, welche von der absoluten Dominanz der
linken Hemisphäre ausging, wird in aktuelleren neurobiologischen Untersuchungen
nicht bestätigt. Während die linke Gehirnhälfte insgesamt für die Lautbildung,
das analytische Denken sowie die kognitive und sequentielle Verarbeitung von
Informationen verantwortlich ist und auf ein wissenschaftliches, semantisches
und explizites Wissen ausgerichtet ist, verarbeitet die rechte Gehirnhälfte
visuelle Erkenntnis, d.h. bildliches, topologisches und ortsverbundenes Wissen,
das an die persönliche Lebensgeschichte des Lerners anschließt. Die rechte
Hemisphäre ist nicht nur nicht passiv und der linken unterlegen, sondern in
Bezug auf räumliches Abstraktions- und Vorstellungsvermögen sowie visuelle und
taktile Formerkennung sogar dominant und beide Hemisphären interagieren in einer
ganzheitlichen Verknüpfung.
Emotionen sind unsere ständigen Begleiter im Lernprozess. Indem sie alle
Informationen, auch die abstraktesten, um den Aspekt ihrer subjektiven Bedeutung
anreichern und bewerten, agieren sie als selektive Filter. Unter positiver
Anstrengung des Wahrnehmenden wirken sie lernfördernd auf kognitive Prozesse,
bei inkongruentem oder wirklichkeitsfremdem Lernmaterial und/oder unter
persönlichkeitsabweisenden Lernbedingungen jedoch lernhemmend. Beim Lösen von
Aufgaben sind daher Zustände der Zufriedenheit oder Entspannung, der Lust oder
Unlust, der Langeweile oder Begeisterung, d.h. der gefühlsmäßigen Beziehung des
Lernenden zum Lerngegenstand von entscheidender Bedeutung, weil sie über die
motivationale Persönlichkeitsdiposition den Aufbau von Wissen implizit
beeinflussen.
Das menschliche Gedächtnis ist weder nur ein Informationsspeicher oder Resultat,
sondern auch Mittel der Erkenntnis und verantwortlich für Prozessstrukturen,
kognitive Operationen Strategien und psychische Dispositionen zur Bereitschaft
der Erbringung einer Leistung. Schon bei der Informationsaufnahme leitet es
durch affektive Bewertungsfunktionen die Erlebnisseite einer motivationalen
Dynamik und entscheidet über Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen. Kognitionen
lösen nicht nur Affekte aus, sondern diese können wiederum Kognitionen fördern
oder behindern, sodass sich beide Dimensionen überschneiden.
Wir konzedieren zwar, dass sich das kognitive System gedächtnisphysiologisch aus
einer Reihe verschiedener Module zusammensetzt, aber diese neuroanatomische
Lokalisierbarkeit darf nicht über die ganzheitliche Verbundenheit der neuronalen
Aktivitäten hinwegtäuschen, sodass wir die Hypothese einer relativen
funktionalen Unabhängigkeit kognitiver Prozesse von rein lokalistischen
Speicherungsmodalitäten vertreten. Weder die Informationsaufnahme noch die
Informationsweiterleitung verlaufen seriell und linear, sondern kaskadenartig
und multi-linear in einem interdependenten Netzwerk, das über die peripheren
Nervenbahnen mit dem ganzen Körper verbunden ist.
Entsprechend den neueren Erkenntnissen der Sprachlehr- und -lernforschung sowie
der Neurobiologie fordert unser Credo einen holistischen und beidhemisphärischen
Ansatz des Lernens und Lehrens, welcher die Doppeldimension kognitiver und
affektiver Faktoren in ihrem Synergieeffekt berücksichtigt und die cartesische
Dichotomie zu Gunsten eines allianzartigen neurobiologischen Monismus auflöst.
Dabei entwickelt sich die modular vernetzte kognitive Apparatur in einem
bio-psycho-sozialen Prozess durch das Zusammenspiel von Anlage, Erfahrung und
Umwelt mit dem Ziel der Bewältigung des Lebens, und der Januskonflikt des
Lernens wird durch einen ganzheitlichen Osmosevorgang überwunden.
Der Mensch ist von Natur aus ein multimodales Wesen und durch die
multisensorische und multimediale Aufbereitung der Lehrmaterialien werden die
Speichervorgänge im Gehirn gedächtnisphysiologisch gestärkt. Denn je mehr
Assoziationen mit der Informationsaufnahme verknüpft werden und je mehr der
Lerner auch emotional durch den Lerngegenstand ergriffen wird, desto größer ist
die integrative bedürfnisgeleitete und realitätsbezogene Motivation des Lerners
und die Wahrscheinlichkeit der Abspeicherung des Wissens im Kurz- und
Langzeitgedächtnis.
Multimodales Lernen befriedigt ein Urbedürfnis des Menschen nach
Ganzheitlichkeit, in der verschiedene Sinneskanäle und Symbolsysteme harmonisch
verknüpft werden. Die multiplen Driftmöglichkeiten einer nicht-gerichteten, d.h.
nicht linearen Rationalität mobilisieren im mehrkanaligen Lernen durch die
kortikale Sensibilisierung einer ganzheitlichen Wahrnehmung verschiedene
Rezeptoren der Sinnesorgane, die mit verschiedenen Gehirnregionen verbunden
sind.
Durch die Anregung der beidhemisphärischen rational-analytischen und
intuitiv-emotionalen Gehirnareale, in denen sich Emotions- und Wissensknoten
verschlingen, integriert der Lerner das Reservoir seiner neuronalen
Vorkenntnisse in den dynamischen Prozess seiner Wissenskonstruktion. Neues
Wissen wird in Form einer biographischen kognitiv-emotionalen Synthetisierung in
vorhandene Deutungsmuster verankert und in einem Selbstkonzept der
Wirklichkeitskonstruktion produktiv umgesetzt.
Komplexe kognitive Systeme sind ganzheitlich emotionsgebunden und über
zahlreiche Subsysteme in einer nicht-linearen Dynamik mit dem ganzen Körper
vernetzt. Die rationalistische Auffassung vom Menschen als reines Vernunftwesen
und ein damit verbundener logozentrischer Mentalismus muss immer mehr der
Einsicht weichen, dass der Mensch ein ganzheitliches körperliches Wesen ist, das
sich im Wechselspiel mit der Umwelt entwickelt und dass Lernprozesse nicht
unabhängig von der geistigen Dimension des Körpers und den emotionalen
Dispositionen des Geistes betrachtet werden können. Daher gewinnt heute der
emotionale Faktor der Intelligenz als implizites und pragmatisch orientiertes
Wissen immer mehr an Bedeutung.
Genauso wie bei Kant die Erkenntnis ein Zusammengesetztes ist, in der
Anschauungen ohne Begriffe blind und Gedanken ohne Inhalt leer sind, möchten wir
in der Pädagogik Lernen als Synthese individueller Erfahrung, die mit den Sinnen
anhebt, und Verstandestätigkeit des aktiven Subjekts betrachten und die These
aufstellen, dass sinnlich erfahrene Emotionen ohne kognitives Wissen blind sind
und kognitives Wissen ohne Emotionen leer bleibt. Daraus resultiert unsere
Forderung, die Emotionen zu kognitivieren und als Anschauungen unter Begriffe zu
bringen und das kognitive Wissen zu emotionalisieren, d.h. die Begriffe sinnlich
zu machen, indem wir ihnen in der Anschauung Gegenstände beifügen. Erst wenn
sich Kognition und Emotion, Geist und Sinnlichkeit, Pflicht und Neigung, Gemüt
und Verstand nicht mehr bekämpfen, sondern harmonisch schillernd umarmen, wird
Lernen trotz der Mühen als sinnvolle Lebensbewältigung erfahren werden.
Die Vernunft darf nicht linear und monomodal verstanden werden, sondern im Sinne
des postmodernen Philosophen Wolfgang Welsch (1996) als „transversale Vernunft“,
welche Transformation, Pluralisierung und Perspektivenvielfalt als ergänzende
Faktoren der mentalen Beweglichkeit in die Vernunftdebatte der letzten Jahre
eingeführt hat. Wir sollten auf apodiktische Urteile verzichten und unsere
Standpunkte nicht auf Recht oder Unrecht fixieren, sondern uns unterschiedliche
subjektive Beobachterperspektiven und daraus resultierende divergierende
Meinungen bewusst machen, die in einem komplexen System von Bedeutungsrelationen
notwendigerweise koexistieren.
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