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Subject: Junior 7 test: conclusion (German text)

Author: Harald Faber

Date: 12:34:05 10/15/01


Nachdem nun der Junior-7-"Nachtest" beendet ist, was kann man über den Spielstil
und die Spielstärke von Junior 7 sagen?

1. Es gibt wohl wirklich nicht nur das Problem der "blauen" Züge des
Eröffnungsbuches bei Junior 7, auch andere Buchzüge werden z.B. unter der Fritz
6 / Junior 7 Oberfläche mit einer Ausspielwahrscheinlichkeit von 0% angezeigt,
was dafür sorgt, dass Junior an dieser Stelle anfängt, selbst zu rechnen. Unter
der Junior 6 Oberfläche haben genau diese Buchzüge jedoch eine
Ausspielwahrscheinlichkeit von 100% und werden a tempo ausgespielt. Dadurch
kommen natürlich ganz andere Partien zustande, denn die berechneten Züge sind
selten die, die den Zügen des Eröffnungsbuches entsprechen. Hier bleibt zu
hoffen, dass es wirklich bald einen Bugfix für die Junior 7 Oberfläche geben
wird. Dies ist u.a. auch ein Punkt, der unter dem in Kürze erscheinenden Fritz 7
zu kontrollieren ist. Momentan kann die eindeutige Empfehlung eigentlich nur
lauten, die Junior 6 Oberfläche zu verwenden.

2. Juniors Spielstil unterscheidet sich gravierend von Junior 6. Der
Vorwärtsdrang ist deutlich ausgeprägter, Junior scheint nach Initiative und
Dynamik zu streben, wofür des öfteren schon mal ein Bauer geopfert wird. Oftmals
bekommt Junior den Bauern bei mindestens Ausgleich zurück, hin und wieder geht
dieses Vabanque-Spiel in die Hose. Man weiss auf jeden Fall nie, wie die Partien
ausgehen. Und die Partien sind sehr selten langweilig.

3. Junior scheint in der Tat einen Bonus für Randbauernzüge zu bekommen. Das mag
Sinn machen, wenn der Randbauer gegen die gegnerische Rochadestellung aufgezogen
wird, bei in der Mitte stehen gebliebenem König ist das nicht unbedingt
vorteilhaft. (Kann aber eine Rochade verhindern und damit den gegnerischen König
in der Mitte fixieren!)

4. Juniors Bewertungen sind sehr moderat. Sie bewegen sich fast ausschliesslich
im Rahmen von -3 bis +3, während andere Programme schon drastisch höher oder
tiefer bewerten. Ein +1.6 bei Junior kann bei Shredder oder Tiger schon bei -4
liegen. Was sage ich fast, eigentlich immer. Genauso anders herum, während
Shredder, Tiger usw. schon +5 anzeigen, träumt Junior erst bei -2 herum.
Entschieden sind die Partien trotzdem, aber man sollte um diese Fakten wissen.

5. Mir scheint, dass Junior über eine gewisse Endspielschwäche verfügt. Die
beiden Endspielniederlagen gegen Shredder 4 zum Beispiel waren vermeidbar und
wären einigen anderen Programmen nicht unterlaufen. Besonders das Endspiel mit
den gleichfarbigen Läufern, in dem Junior die eigenen Bauern genau auf die
falschen Felder gestellt hat, lässt fehlendes Grundwissen vermuten.

Alles in allem verfügt Junior 7 über einen sehr interessanten Spielstil. Wenn
man ihn lässt, greift er nachhaltig den König an und nimmt dafür schon mal
positionelle oder materielle Nachteile in Kauf. Es scheint, dass Junior nach
Inititative und Dynamik strebt, den Gegner immer wieder verwirrt und kaum zur
Ruhe kommen lässt. Es sieht weiterhin so aus, dass Junior für einen
erfolgreichen Angriff die Damen benötigt. Sind die Damen vom Brett, sinkt die
Gewinnquote.
Einen Vergleich mit GambitTiger 2, dem erfolgreichsten angriffsfreudigen
Vertreter seiner Gilde, kann Junior jedoch nicht für sich entscheiden. Junior
produziert hin und wieder ebenfalls sehenswwerte Kurzpartien, des Tigers
Angriffe sind positionell aber gesünder. Falls sie nicht greifen, hat der Tiger
immer noch ein solides positionelles Fundament und vor allem die notwendige
Endspielstärke, um Partien noch zu halten oder gar zu gewinnen. Von dieser
Ausgewogenheit ist bei Junior nichts zu sehen, vor allem das Endspiel bereitet
noch Sorgen. Dafür scheint mir Junior generell ein etwas dynamischeres
Mittelspiel als der Tiger zu haben. Es ist nicht so fixiert auf den gegnerischen
König. Wenn es die Stellung erfordert, wird auch am Damenflügel gespielt.
Der Begriff Kaffeehaus-Schach wurde schon geäussert, mich stört jedoch am
meisten, dass Junior völlig unberechenbar ist. Beim Tiger kann man sich fast
sicher sein, dass die Partie mindestens remis endet, bei Junior ist die Chance,
dass er die Partie verliert, wesentlich grösser. Nichtsdestotrotz bietet Junior
nervenaufreibendes Schach auf höchstem Niveau, bei dem selten Langeweile
aufkommt, und stellt eine äusserst interessante Bereicherung an
Computerschachprogrammen dar.

Tests, Partien, Infos usw. wie immer unter http://www.harald-faber.de



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Last modified: Thu, 15 Apr 21 08:11:13 -0700

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