Author: Harald Faber
Date: 13:54:31 11/08/01
In der ersten Partie ist Shredder mit Weiss in einer positionell recht schwierigen Stellung aus der Eröffnung entlassen worden. Die Figuren stehen schlecht postiert und sowohl der Bauer e4 als auch der Bauer a4 sind Schwächen, die die weissen Kräfte binden. e4 wird zwar gegen den schwarzen c4 getauscht, doch a4 fällt ersatzlos. Tiger hat dann in einer tatkisch leeren Stellung auch keine Probleme, den Mehrbauern zum Sieg zu führen. Shredder schafft es in der zweiten Partie nicht, den rückständigen Bauern e3 zu erobern. Stattdessen schafft sich Shredder Schwächen der eigenen Königsstellung: 4r1k1/pp2rpbp/4nnp1/q2p4/3P2PP/1P2PQ2/PB1NR3/R5KB b - - 0 21 21...h5?! Öffnet IMO unötig Linien gegen den eigenen König. Nach 22.gxh5 Sxh5 wird dieser von h5 vertrieben, Weiss zieht selbst h4-h5, womit die g-Linie entscheidend frei gelegt wird. Um eine Katastrophe auf g7 zu verhindern, muss Shredder die Qualität geben und verliert im Endspiel. Die dritte Runde geht erneut an Tiger. Shredder muss nach der Eröffnung mit Läufer plus offener König gegen 3 starke Zentrumsbauern kämpfen. 1r3rk1/pp4pp/n3pp2/3p4/P1N5/8/1PK1B1PP/R6R w - - 0 19 Nach nur weiteren 11 Zügen sieht die Lage schon sehr bedrohlich aus: 1r1r2k1/1pN3pp/p7/4nP2/P7/3pp3/1P4BP/3RK2R w K - 0 30 Die beiden verbundenen Freibauern lähmen das weisse Spiel. Schwarz kann in der Folge in aller Ruhe die Stellung verstärken. Shredder opfert sogar, um sich aus der Umklammerung zu befreien, doch die beiden Freibauern erweisen sich eindeutig als zu stark, wie man hier sieht: R7/8/6p1/5k1p/6nP/1P1p4/3Kp3/8 w - - 0 63 (0-1/73) Auch die vierte Partie hatte den Tiger als Sieger. Hier schaffte es der Tiger, dass Schwarz mit g7-g6 die schwarzen Felder freilegen musste und mit dem Läufer die Löcher nicht mehr stopfen konnte. Schlimmer noch, der Läufer wird gegen einen weissen Springer getauscht, wodurch Schwarz erhebliche Probleme bekam. Die Folge war zunächst ein Bauernverlust bei anhaltender Klammerstellung. Auch hier konnte Tiger nach undf nach die Stellung entscheidend verstärken, Shredder war an Händen und Füssen gefesselt. 6q1/5pnk/p3r1p1/2R4p/3Qp1P1/2B1P2P/PP3PK1/8 w - - 0 39 Und 1-0/56 Damit gab es erneut 4 Siege in Folge, was offenbar doch kein so seltenes Ergebnis ist. In der fünften Runde gab es endlich den ersten Shredder-Sieg. Fast aus dem Buch heraus wurden die Damen getauscht und Tiger hatte keine Möglichkeit mehr zu aktivem Gegenspiel. So konnte Shredder in aller Ruhe die Stellung verstärken, Schwächen im schwarzen Lager schaffen und einen Bauern erobern. Nach einem geschickten Abtausch konnte auch der Tiger die schwarze Stellung nicht mehr retten. 5k2/5r2/4p2p/R2p4/2pPPP2/2Pn1K1P/3N4/8 w - - 0 45 45.f5! (1-0/64) Zur sechsten Partie gibt es eigentlich nichts zu berichten, eine farblose Partie, in der nie die berühmte "Remisbreite" überschritten wurde. Einen erneuten Sieg landete der Tiger in der siebten Partie. Hier opferte Shredder einmal mehr eine Figur für 3 Bauern, dazu behält Shredder das Läuferpaar. Doch die weissen Figuren wollen nicht so recht zusammen spielen und die Initiaive geht mehr und mehr an den Tiger über. So fallen nach und nach die weissen Bauern und schliesslich werden die Figuren so getauscht, dass Schwarz nicht nur eine Figur mehr hat, sondern einen ganzen Turm. Für einen einzigen Bauern ist das natürlich mehr als ausreichend, und Tiger hat auch keine Probleme, diesen Vorteil umzusetzen. rb2k2r/1b1n2pp/pq2pn2/8/PppN4/2N1P3/1PB1QPPP/R1BR2K1 w kq - 0 17 17.Dxc4!? Mut, der mal wieder nicht belohnt wird. Ich habe schon einige solcher Figurenopfer bei Shredder gesehen, doch oftmals ging der Schuss nach hinten los. Wenn es um ungleiche Materialverhältnisse wie auch positionelle Figurenopfer (für 1-3 Bauern) geht, kann sich Shredder von Hiarcs ordentlich etwas abschauen. In der achten Runde kam die berühmte Sevilla-Variante (Grünfeld-Indisch) der Karpow-Kasparow-WM-Kämpfe aufs Brett. r2q2k1/pp2p1bp/6p1/n1p5/3PP1P1/2P1B3/P3N1PP/R2Q1K2 b - - 0 14 Sevilla! Shredder mit Schwarz konnte den Bauern zurück gewinnen, um wenig später erneut mit einem Minusbauern dazustehen. In dem entstandenen Endspiel mit gleichfarbigen Läufern und 3 gegen 2 Bauern schafft es Tiger nicht, den Sieg einzufahren. Rein gefühlsmässig würde ich vermuten, dass er das hätte gewinnen können. Ich werde mir beizeiten diese Partie mal etwas genauer zur Brust nehmen. Auf jeden Fall kämpft der Tiger rund 100 Züge lang vergeblich um den vollen Punkt (0.5/157). Runde 9 brachte dem Tiger zunächst einen Mehrbauern ein, der dazu noch das weisse Spiel hemmte. Tiger lässt sich diesen jedoch wieder abnehmen (IMO unnötig) so dass sich Shredder befreien kann. Als Shredder erneut einen Bauern verliert, ist das Material bereits so weit reduziert, dass sich an Figuren nur noch die Damen und ungleichfarbige Läufer auf dem Brett befinden. Um den Bauern nicht wieder zurück geben zu müssen, ist der Tiger gezwungen, die Damen zu tauschen, wodurch das Remis im Grunde nur eine logische Konsequenz des Endspiels mit den ungleichfarbigen Läufern darstellt (0.5/83). 8/p4k1p/1p4p1/4QpP1/3Pb3/q1P3KP/3B4/8 w - - 0 47 47.Dh8! Die Abschlussrunde konnte Shredder nicht mehr retten, er lag bereits mit 2.5-6.5 zurück. Er schaffte jedoch auch keine Ergebniskosmetik. Er ist dem Tiger einfach unterlegen. In dieser letzten Partie erreicht Shredder zwar schnell die bessere Stellung, weil er mit Schwarz die weisse Rochade verhindern kann. 1rb1kb1r/p1ppqppp/2p5/4P3/5P2/8/PPPB2PP/1R1QKB1R b Kk f3 0 10 10...Dc5! Shredder versäumt es jedoch, zügig zu rochieren und Linienöffnungen zu forcieren (z.B. durch d7-d6, Te8 usw.). Dadurch bekommt Weiss selbst die Gelegenheit, Schwarz zunächst an der Rochade zu hindern durch drohenden Einschlag auf h7. Nach Abwehr dieser Drohung durch g7-g6 und anschliessender Rochade bieten sich dem weissen plötzlich Angriffsmarken, und der weisse Turm auf h1 steht dort goldrichtig, ohne gezogen zu haben. Doch nach weiterem Figurentausch und reduziertem Material verflacht zunächst das Spiel. Weiss kann jedoch zum Preis eines Bauern den eigenen freien e-Bauern in Bewegung setzen und Drohungen damit verbinden. Sie tragen auch Früchte, als Shredder die Qualität gibt/geben muss. Dafür muss der Tiger jedoch noch einen weiteren Bauern geben. Keiner der beiden kann davon profitieren und es wird bald Remis durch Tablebases. Die "Bonuspartie" (wg. Zeitüberschuss) endete nach einer kuriosen Stellung, in der Shredder die eigene Dame neben dam König auf h1 sehenswert einpferchte, tatsächlich remis. Tiger hate zwarmehr vom Spiel, konnte diesmal Shredders Figurenopfer für 2 Bauern nur ins Remis kontern. r2q1k2/2b2pp1/p1n1b1rp/2p1p3/Pp6/2PPN2P/1PBB1PPQ/3RR1K1 w - - 0 26 26.Dh1 trara! Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Shredder in diesem Match zwar Kämpferqualitäten zeigte und sich hin und wieder als Steh-Auf-Männchen entpuppte, aber das war weder sehenswert noch erfolgreich. "Enttäuschend" ist dafür eher der passende Ausdruck. Im Abschlussbericht zum Shredder 5.32-Test werde ich meine Einschätzung bzgl. des Shredder-Eröffnungsbuches und dessen Auswirkung auf das Abschneiden von Shredder allgemein in Partien darlegen. Abschliessend würde ich gerne eine Rückmeldung haben, ob die Partien nachgespielt oder gar analysiert, diese Berichte einfach nur gelesen oder zumindest die EPD-Stellungen angeschaut werden. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass prinzipiell selten Partien nachgespielt werden, wenn die Notation lediglich in schriftlicher Form vorliegt. Da kann noch so viel textuell kommentiert sein...aber wie sieht es hier aus, wo doch die Partien durch wenige Mausklicks in jedes beliebige Schachprogramm eingeladen und zügig nachgespielt werden können? Rückmeldungen, für die ich mich jetzt schon im Voraus bedanken möchte, können hier im Forum oder, wenn es nicht öffentlich sein soll, auch per e-mail an HaraldF@bigfoot.com geschrieben werden.
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Last modified: Thu, 15 Apr 21 08:11:13 -0700
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