Computer Chess Club Archives


Search

Terms

Messages

Subject: Shredder 5.32 - ChessTiger 14 detailed report (German text)

Author: Harald Faber

Date: 13:54:31 11/08/01


In der ersten Partie ist Shredder mit Weiss in einer positionell recht
schwierigen Stellung aus der Eröffnung entlassen worden. Die Figuren stehen
schlecht postiert und sowohl der Bauer e4 als auch der Bauer a4 sind Schwächen,
die die weissen Kräfte binden. e4 wird zwar gegen den schwarzen c4 getauscht,
doch a4 fällt ersatzlos. Tiger hat dann in einer tatkisch leeren Stellung auch
keine Probleme, den Mehrbauern zum Sieg zu führen.
Shredder schafft es in der zweiten Partie nicht, den rückständigen Bauern e3 zu
erobern. Stattdessen schafft sich Shredder Schwächen der eigenen Königsstellung:
4r1k1/pp2rpbp/4nnp1/q2p4/3P2PP/1P2PQ2/PB1NR3/R5KB b - - 0 21
21...h5?! Öffnet IMO unötig Linien gegen den eigenen König. Nach 22.gxh5 Sxh5
wird dieser von h5 vertrieben, Weiss zieht selbst h4-h5, womit die g-Linie
entscheidend frei gelegt wird. Um eine Katastrophe auf g7 zu verhindern, muss
Shredder die Qualität geben und verliert im Endspiel.
Die dritte Runde geht erneut an Tiger. Shredder muss nach der Eröffnung mit
Läufer plus offener König gegen 3 starke Zentrumsbauern kämpfen.
1r3rk1/pp4pp/n3pp2/3p4/P1N5/8/1PK1B1PP/R6R w - - 0 19
Nach nur weiteren 11 Zügen sieht die Lage schon sehr bedrohlich aus:
1r1r2k1/1pN3pp/p7/4nP2/P7/3pp3/1P4BP/3RK2R w K - 0 30
Die beiden verbundenen Freibauern lähmen das weisse Spiel. Schwarz kann in der
Folge in aller Ruhe die Stellung verstärken. Shredder opfert sogar, um sich aus
der Umklammerung zu befreien, doch die beiden Freibauern erweisen sich eindeutig
als zu stark, wie man hier sieht:
R7/8/6p1/5k1p/6nP/1P1p4/3Kp3/8 w - - 0 63
(0-1/73)
Auch die vierte Partie hatte den Tiger als Sieger. Hier schaffte es der Tiger,
dass Schwarz mit g7-g6 die schwarzen Felder freilegen musste und mit dem Läufer
die Löcher nicht mehr stopfen konnte. Schlimmer noch, der Läufer wird gegen
einen weissen Springer getauscht, wodurch Schwarz erhebliche Probleme bekam. Die
Folge war zunächst ein Bauernverlust bei anhaltender Klammerstellung. Auch hier
konnte Tiger nach undf nach die Stellung entscheidend verstärken, Shredder war
an Händen und Füssen gefesselt.
6q1/5pnk/p3r1p1/2R4p/3Qp1P1/2B1P2P/PP3PK1/8 w - - 0 39
Und 1-0/56
Damit gab es erneut 4 Siege in Folge, was offenbar doch kein so seltenes
Ergebnis ist.
In der fünften Runde gab es endlich den ersten Shredder-Sieg. Fast aus dem Buch
heraus wurden die Damen getauscht und Tiger hatte keine Möglichkeit mehr zu
aktivem Gegenspiel. So konnte Shredder in aller Ruhe die Stellung verstärken,
Schwächen im schwarzen Lager schaffen und einen Bauern erobern. Nach einem
geschickten Abtausch konnte auch der Tiger die schwarze Stellung nicht mehr
retten.
5k2/5r2/4p2p/R2p4/2pPPP2/2Pn1K1P/3N4/8 w - - 0 45
45.f5! (1-0/64)
Zur sechsten Partie gibt es eigentlich nichts zu berichten, eine farblose
Partie, in der nie die berühmte "Remisbreite" überschritten wurde.
Einen erneuten Sieg landete der Tiger in der siebten Partie. Hier opferte
Shredder einmal mehr eine Figur für 3 Bauern, dazu behält Shredder das
Läuferpaar. Doch die weissen Figuren wollen nicht so recht zusammen spielen und
die Initiaive geht mehr und mehr an den Tiger über. So fallen nach und nach die
weissen Bauern und schliesslich werden die Figuren so getauscht, dass Schwarz
nicht nur eine Figur mehr hat, sondern einen ganzen Turm. Für einen einzigen
Bauern ist das natürlich mehr als ausreichend, und Tiger hat auch keine
Probleme, diesen Vorteil umzusetzen.
rb2k2r/1b1n2pp/pq2pn2/8/PppN4/2N1P3/1PB1QPPP/R1BR2K1 w kq - 0 17
17.Dxc4!? Mut, der mal wieder nicht belohnt wird. Ich habe schon einige solcher
Figurenopfer bei Shredder gesehen, doch oftmals ging der Schuss nach hinten los.
Wenn es um ungleiche Materialverhältnisse wie auch positionelle Figurenopfer
(für 1-3 Bauern) geht, kann sich Shredder von Hiarcs ordentlich etwas abschauen.
In der achten Runde kam die berühmte Sevilla-Variante (Grünfeld-Indisch) der
Karpow-Kasparow-WM-Kämpfe aufs Brett.
r2q2k1/pp2p1bp/6p1/n1p5/3PP1P1/2P1B3/P3N1PP/R2Q1K2 b - - 0 14
Sevilla!
Shredder mit Schwarz konnte den Bauern zurück gewinnen, um wenig später erneut
mit einem Minusbauern dazustehen. In dem entstandenen Endspiel mit
gleichfarbigen Läufern und 3 gegen 2 Bauern schafft es Tiger nicht, den Sieg
einzufahren. Rein gefühlsmässig würde ich vermuten, dass er das hätte gewinnen
können. Ich werde mir beizeiten diese Partie mal etwas genauer zur Brust nehmen.
Auf jeden Fall kämpft der Tiger rund 100 Züge lang vergeblich um den vollen
Punkt (0.5/157).
Runde 9 brachte dem Tiger zunächst einen Mehrbauern ein, der dazu noch das
weisse Spiel hemmte. Tiger lässt sich diesen jedoch wieder abnehmen (IMO
unnötig) so dass sich Shredder befreien kann. Als Shredder erneut einen Bauern
verliert, ist das Material bereits so weit reduziert, dass sich an Figuren nur
noch die Damen und ungleichfarbige Läufer auf dem Brett befinden. Um den Bauern
nicht wieder zurück geben zu müssen, ist der Tiger gezwungen, die Damen zu
tauschen, wodurch das Remis im Grunde nur eine logische Konsequenz des Endspiels
mit den ungleichfarbigen Läufern darstellt (0.5/83).
8/p4k1p/1p4p1/4QpP1/3Pb3/q1P3KP/3B4/8 w - - 0 47
47.Dh8!
Die Abschlussrunde konnte Shredder nicht mehr retten, er lag bereits mit 2.5-6.5
zurück. Er schaffte jedoch auch keine Ergebniskosmetik. Er ist dem Tiger einfach
unterlegen. In dieser letzten Partie erreicht Shredder zwar schnell die bessere
Stellung, weil er mit Schwarz die weisse Rochade verhindern kann.
1rb1kb1r/p1ppqppp/2p5/4P3/5P2/8/PPPB2PP/1R1QKB1R b Kk f3 0 10
10...Dc5!
Shredder versäumt es jedoch, zügig zu rochieren und Linienöffnungen zu forcieren
(z.B. durch d7-d6, Te8 usw.). Dadurch bekommt Weiss selbst die Gelegenheit,
Schwarz zunächst an der Rochade zu hindern durch drohenden Einschlag auf h7.
Nach Abwehr dieser Drohung durch g7-g6 und anschliessender Rochade bieten sich
dem weissen plötzlich Angriffsmarken, und der weisse Turm auf h1 steht dort
goldrichtig, ohne gezogen zu haben. Doch nach weiterem Figurentausch und
reduziertem Material verflacht zunächst das Spiel. Weiss kann jedoch zum Preis
eines Bauern den eigenen freien e-Bauern in Bewegung setzen und Drohungen damit
verbinden. Sie tragen auch Früchte, als Shredder die Qualität gibt/geben muss.
Dafür muss der Tiger jedoch noch einen weiteren Bauern geben. Keiner der beiden
kann davon profitieren und es wird bald Remis durch Tablebases.
Die "Bonuspartie" (wg. Zeitüberschuss) endete nach einer kuriosen Stellung, in
der Shredder die eigene Dame neben dam König auf h1 sehenswert einpferchte,
tatsächlich remis. Tiger hate zwarmehr vom Spiel, konnte diesmal Shredders
Figurenopfer für 2 Bauern nur ins Remis kontern.
r2q1k2/2b2pp1/p1n1b1rp/2p1p3/Pp6/2PPN2P/1PBB1PPQ/3RR1K1 w - - 0 26
26.Dh1 trara!
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Shredder in diesem Match zwar
Kämpferqualitäten zeigte und sich hin und wieder als Steh-Auf-Männchen
entpuppte, aber das war weder sehenswert noch erfolgreich. "Enttäuschend" ist
dafür eher der passende Ausdruck.
Im Abschlussbericht zum Shredder 5.32-Test werde ich meine Einschätzung bzgl.
des Shredder-Eröffnungsbuches und dessen Auswirkung auf das Abschneiden von
Shredder allgemein in Partien darlegen.
Abschliessend würde ich gerne eine Rückmeldung haben, ob die Partien
nachgespielt oder gar analysiert, diese Berichte einfach nur gelesen oder
zumindest die EPD-Stellungen angeschaut werden. Ich weiss aus eigener Erfahrung,
dass prinzipiell selten Partien nachgespielt werden, wenn die Notation lediglich
in schriftlicher Form vorliegt. Da kann noch so viel textuell kommentiert
sein...aber wie sieht es hier aus, wo doch die Partien durch wenige Mausklicks
in jedes beliebige Schachprogramm eingeladen und zügig nachgespielt werden
können?
Rückmeldungen, für die ich mich jetzt schon im Voraus bedanken möchte, können
hier im Forum oder, wenn es nicht öffentlich sein soll, auch per e-mail an
HaraldF@bigfoot.com geschrieben werden.




This page took 0 seconds to execute

Last modified: Thu, 15 Apr 21 08:11:13 -0700

Current Computer Chess Club Forums at Talkchess. This site by Sean Mintz.